Die Kirche hat soeben eine neue Liste der Heiligen herausgegeben: einen Kalender der Namenstage, wenn man so will, der am 1. Januar nächsten Jahres in Kraft treten soll. Und was haben sich die römischen Herrschaften, die hier Redaktion führten, da eigentlich vorgestellt? Sie strichen einen Heiligen nach dem anderen aus der Liste jener Feste, die nicht nur lokal, sondern in der ganzen katholischen Welt gemeinsam gefeiert wurden.

Ein Beispiel: Im schönen Monat Mai gedachte man bisher zweiundzwanzig Heiliger; fortan sollen es nur zwei sein. Die Begründung ist, daß es zu viele waren. Auch wollte man wohl den Andersgläubigen entgegenkommen, die nicht zu Unrecht sagten, die Verehrung der Heiligen nähme überhand, während Christus sozusagen zu kurz käme. Das Vatikanische Konzil wirkt nach, mit dessen Nachwirkungen ohnehin die Katholiken nicht leicht fertig werden. Schon wurde das Latein gestrichen, das mich, allen schlechten Erfahrungen im Gymnasium zum Trotz, in der Messe immer so heimatlich anzog. Und jetzt die Heiligen ...

Freilich, in religiösen Sachen, da bin ich konservativ. Ich bin und bleibe ein Mann des 19. März, das heißt, ich halte am Namenstag meiner Jugend fest, obgleich die Verehrung des heiligen Josef am ersten Mai-Sonntag stattfindet: Schutzpatron der Arbeiter. Wirklich geschädigt aber sind die Schutzbefohlenen der heiligen Barbara. Gestrichen! Das mag noch angehen, wenn man an die Artilleristen und Pioniersoldaten denkt, die sich unter ihre Obhut stellten. Aber die Feuerwehrmänner, die dies ebenfalls taten, brauchen wir noch.

Sankt Christoph, von dem ich in meiner Kindheit lernte, er habe das Christkind auf seinen Schultern durch den Rhein getragen (es mag auch der Jordan gewesen sein, aber damals, zweifelte ich nicht), auch er wurde gestrichen. Er sei sowieso nur eine legendäre Erscheinung, so heißt es in Rom. In Wirklichkeit brauchen wir niemanden dringender als ihn, da er doch der Schutzpatron der Autofahrer ist. Ob legendär oder nicht: Man findet ihn am Autoschlüsselbund sogar der Protestanten, und das will etwas heißen. Zumindest sieht man an diesem Falle, wie sehr die Medaillen-Fabrikanten und Silberschmiede die Listen-Geschädigten zu sein mögen.

Auch die heilige Katharina von Alexandrien spielt keine generelle Rolle mehr. Sie wird, obwohl die Patronin der Philosophen, nicht mehr allgemein, sondern wohl nur noch in diesen Kreisen verehrt. Wenn man dafür nun wenigstens Philippo Neri in den Rang eines weltweit gültigen Heiligen erhoben hätte! Er, den der Andersgläubige Goethe zu seinem Lieblingsheiligen erkoren hatte, war dafür berühmt, daß er frommes Rebellentum und Wunderkraft mit Humor verband. Und dabei dürfte in heutigen Zeiten der Bedarf an Humor (Neri) mindestens so groß sein wie an Philosophie (Katharina) und an überirdischen Maßnahmen gegen verrückte Autofahrer (Christoph).

Aus Rom heißt es, daß die neue Liste nicht nur alle christlichen Jahrhunderte berücksichtige, sondern vor allem auch Ländern außerhalb Italiens und Europas; es werden japanische Märtyrer und afrikanische Missionare zitiert. Ferner hört man, es seien die Laien unter den Heiligen mehr als zuvor herausgestellt worden. Warum? Sollte es schwerer sein, als Laie ein Heiliger zu werden denn als Nonne oder Mönch? Oder sollte ein Laie sich lieber einen Laien zum Vorbild nehmen wollen? Denn das ist ja der Sinn der Heiligenverehrung: Wahl des Vorbildes, dem der Christ nachfolgt.

Wie dem auch sei: Sankt Philippo, beschütze mich!