Ist die junge Linke auf dem rechten Wege?

Diese Frage richtet sich an zwei "Linke", die sich nach Herkunft und Richtung, nach Generation und Nation gründlich unterscheiden: an Professor Eduard Goldstücker aus Prag und an Dr. Reinhart Wolff aus Berlin.

Der ältere Gast ist Prorektor, Leiter der Germanistischen Abteilung und Professor der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität, Vorsitzender des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes und Mitglied des tschechischen Nationalrates. In diesem Sommer verbringt er einen Studienurlaub als Gastprofessor an der Universität von Sussex, England. Diesen Aufenthalt unterbricht er immer wieder für Besuche in der Tschechoslowakei, mit deren jüngerer Geschichte sein Schicksal eng verbunden ist. Nach seiner Position befragt, bestreitet er nichts so entschieden, wie Emigrant, und bestätigt er nichts so eindeutig, wie Kommunist zu sein.

Sein jüngerer Gesprächspartner, bis vor kurzem Mitglied des Bundesvorstandes des SDS, hat in Erziehungswissenschaft promoviert und beschäftigt sich nun im Zweitstudium an der Freien Universität Berlin mit Soziologie. Er ist mehr durch intellektuelle Aktivitäten als durch brachiale Anstrengungen hervorgetreten. Der Senior der Gebrüder Wolff möchte die politische Arbeit eines Sozialisten nicht als familiäre Angelegenheit definiert sehen. Um Auskunft über seine politische Stellung gebeten, erklärt Reinhart Wolff sich und seine Sache.

Wolff: Wir sind praktische Sozialisten, die mit einer revolutionären Perspektive in der spätkapitalistischen Gesellschaft arbeiten. Das heißt, daß wir den Widerstand organisieren gegen einen zunehmenden Formierungsprozeß in dieser Gesellschaft. Mit einer "revolutionären Perspektive" heißt: daß wir uns nicht die Einsichten des revolutionären Marxismus korrumpieren lassen durch Ideologien der Konvergenz der Systeme, sondern daß wir das Instrumentarium des Marxismus benutzen, eine sozialistische Politik sowohl theoretisch als auch praktisch zu betreiben.

Wo freilich beginnt die "Linke" und wo endet sie? Der Professor aus Prag beruft sich bei der Antwort auf die Erfahrungen, die er in seinem Lande gemacht hat.

Goldstücker: Wir hatten in der Tschechoslowakei in diesen Monaten eine scharfe Diskussion darüber, was rechts und was links ist. Die progressiven Kommunisten, die Anhänger der Nach-Januar-Entwicklung, sind der Ansicht, daß die Konservativen nicht links, sondern rechts stehen; denn ihre Argumentation, ihre Methoden sind nicht weit vom Faschismus.