Von Eka von Merveldt

Diese Reise hat sich beinahe von allein ergeben; von der Insel Kos aus, die ein bißchen vergessen vor der türkischen Küste liegt. Diese Reise hat sich angekündigt (ZEIT Nr. 19/1969): "Eines Tages kann man nicht widerstehen und fährt hinüber ..."

Eine Stunde braucht das Motorboot "Kos-Expreß" von der Insel Kos nach Bodrum, wenn das Meer ruhig ist. Auf der Hinfahrt war es glatt wie ein Spiegel. Die Türken empfingen uns wie heimgekehrte Freunde. Vom Zoll wurde ein Mann geholt, der einen Wagen zu besorgen versprach für eine Tagesfahrt nach Priene, Milet und Didyma, eine Fahrt in die Vergangenheit. Ein stoppelbärtiger Fahrer in abgetragenen Kleidern erschien und verschwand wieder. Wir wechselten Geld in der geheizten Bank – es war noch früher Morgen und dieser späte Frühling sehr kühl bis nach Asien hinein. Wir tranken heißen, kräftigen Tee, und der Kellner fragte: "Türkisch Çay, gutt?" und strahlte, als wir nickten.

Das Städtchen Bodrum (5000 Einwohner) türmt sich auf einem zum Meer gerichteten Hügelhalbkreis wie ein intimes Amphitheater auf. Inmitten der weißen Häuser, die zwischen Weinbergen und Gärten an den Hängen liegen, sind die wenigen Überreste des Mausoleums zu finden, das schon im dritten und zweiten Jahrhundert v. Chr. als siebentes Weltwunder eine Sehenswürdigkeit war. Pausanias, der griechische Reiseschriftsteller der Antike, berichtete: "Was die Größe anbelangt, ist das Grab (des Karerkönigs Mausolos) so groß und seine ganze Aussteuer so berühmt, daß die Römer großartige Grabmäler in ihrem eigenen Land auch Mausoleen nennen."

Noch im 12. Jahrhundert war das Mausoleum wohl erhalten. Später, bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts, wußte man nur das, was die literarischen Quellen erschlossen. Dann gruben die Engländer und brachten den größten Teil der Funde in das Britische Museum. Seit 1966 forscht eine dänische Expedition unter Professor Kristian Jeppesen von der Aarhus-Universität. Seitdem stehen die Ausmaße dieses gewaltigen Bauwerkes fest. Die künstliche Terrasse, auf der es stand, war 243 Meter lang. Vom Wasser her, das bedeckt ist mit türkischen und fremden Schiffen, muß es einst im alten Halikarnass ein imponierender Anblick gewesen sein.

Halikarnass hatte, einst wie Kos, Knidos, Lindos, Kamiros und Ialyssos zum dorischen Sechsstädtebund gehört, dessen Rat im Apollo-Tempel bei Knidos tagte. Kurz vor dem Persereinmarsch wurde Halikarnass aus der Hexapolis verstoßen (die dann den Titel Pentapolis trug), vermutlich, weil das karische Element immer stärker als das dorische wurde. Seitdem zogen auch hier im schnellen Wechsel immer neue Herrscher ein. Das Johanniter-Kastell St. Peter (Petronium) an der Stelle einer früheren türkischen Festung auf einer durch einen schmalen Landstreifen mit dem Festland verbundenen Halbinsel, die einst eine Insel war, hat schließlich der Stadt Bodrum den türkischen Namen gegeben, der "Keller" bedeutet; Herodot ist hier geboren.

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