Von Dieter E. Zimmer

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hatte sich für ihre Frühjahrstagung in Köln (bei der Hans Hennecke ihren Übersetzerpreis und der Prager Germanist Eduard Goldstücker den Preis der Auslandsgermanistik entgegennahm) des Wortes Sprache in ihrem Namen entsonnen. Und nicht nur das: Sie suchte, indem sie einige Sprachwissenschaftler hinzubat, die Auseinandersetzung.

Zwar hat die Akademie als Institution nie auch nur den Versuch gemacht, sprachnormierend zu wirken wie die Académie Française. Immerhin aber ist aus ihrem innersten Kreis das einflußreichste sprachkritische Werk der Nachkriegszeit hervorgegangen, das "Wörterbuch des Unmenschen" von Dolf Sternberger, Gerhard Storz (heute Präsident der Akademie) und Wilhelm E. Süskind. Und das war ein Buch, das in der Sprachwissenschaft auf etlichen Widerstand stieß. Sein Verfahren, bestimmte, isolierte Wörter, Wendungen und grammatische Konstruktionen der Unmenschlichkeit zu überführen, die Unmenschlichkeit nicht im Gebrauch der Sprache, sondern in der Sprache selber zu suchen, löste seinerzeit eine Kontroverse aus, deren Heftigkeit zu verstehen gab, daß mehr auf dem Spiel stand als irgendeine Methode: nämlich die Legitimation einer moralisierenden Sprachkritik, die sich nur auf individuelle oder allenfalls gruppenspezifische Geschmacksnormen berufen konnte. Eine letztlich auch politische Frage; jedenfalls mußten die Verfasser durch die Kritik an ihrer Methode auch ihren Anspruch in Frage gestellt sehen, mit ihrer Kampagne gegen Wörter wie "betreuen" einen irgend stichhaltigen und damit wirksamen Beitrag zur Aufklärung und Bekämpfung faschistischer Unmenschlichkeit geleistet zu haben.

Nun aber war die andere Seite, die Sprachwissenschaft, bei der Akademie zu Gast. Hans Eggers, Linguist in Saarbrücken, unternahm eine Exkursion in die Sprachstatistik. In dreijähriger Arbeit hat er einen Korpus von hunderttausend Sätzen – zur einen Hälfte von Journalisten der Frankfurter Allgemeinen, zur anderen von Sachbuchautoren in Rowohlts Deutscher Enzyklopädie – mit Hilfe einer Datenverarbeitungsanlage analysiert, um zu präzisen Aussagen über die deutsche Gegenwartssprache zu kommen. Ergebnisse, unter anderem: Die Sätze sind kürzer und konzentrierter geworden; Nebensätze wurden zurückgedrängt, vor allem die Nebensätze der logischen Begründung; es besteht die Tendenz, den Satzrahmen (die Spanne zwischen finiter und infiniter Verbform) zu verkürzen; die Schriftsprache hat sich der Umgangssprache angenähert. Als Ursache für den Wandel nannte Eggers das Erstarken des Großstadtproletariats sowie die "Hetze" und "Reizüberflutung" des Großstadtlebens. Was er schuldig blieb, war die Antwort auf die Frage, wieweit die Untersuchung zweier Gruppenstile Schlüsse auf die Gegenwartssprache schlechthin zulasse; und vor allem die Antwort auf die Frage, ob überhaupt ein ähnlich exakt erfaßtes Vergleichsmaterial aus früheren Zeiten vorliegt, von dem sich der aktuelle Befund charakteristisch abhebt.

Nicht nur dieser Ausflug in die Statistik wurde der Akademie zugemutet. In einem Vortrag über das Thema "Kritik der linguistischen Kompetenz" stellte der Kölner Romanist Harald Weinrich ohne Umschweife fest, daß es in der heutigen Gesellschaft keine Gruppe, keine Institution, keine Person gebe, die den Auftrag oder das Recht hätte, Sprachnormen zu setzen, autoritär Lob und Tadel auszuteilen – auch eine Akademie könne ihre eigene puristische Sondersprache nicht als verbindliches Muster ausgeben.

Dolf Sternberger fühlte sich mit Grund angesprochen: Wo denn da überhaupt noch Raum für Normen bliebe? (Und dahinter stand die Frage: Wäre Sprachkritik damit pensionsreif?)

Die Antwort gab der Kölner Linguist Peter von Polenz, der damals mit der Prozedur des "Wörterbuchs des Unmenschen" besonders unsanft umgesprungen war. Was er in wenigen, aber um so präziseren Diskussionsbemerkungen umriß, war nicht weniger als das Angebot, die alte Frontstellung zu liquidieren, ein Programm nämlich für eine sinnvollere Sprachkritik.