In den Instruktionen für das Kuratorium seiner Friedensstiftung schrieb Andrew Carnegie 1910: "Wenn der Krieg als menschenunwürdig verworfen worden ist, wollen die Treuhänder bitte erwägen, welches das nächstschlimmste Übel ist, dessen Oberwindung dem Fortschritt... der Menschheit am dienlichsten wäre." Von dem naiven Optimismus dieses Programms, das im Geiste der unermeßlichen Geschäftstüchtigkeit seines Autors "die rasche Abschaffung des Krieges" verlangte, ist in der heutigen Friedensforschung wenig zu finden. Das zeigt auch der vor kurzem erschienene Band der "Neuen Wissenschaftlichen Bibliothek"

Ekkehart Krippendorff (Hrsg.): "Friedensforschung"; Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 1968, 596 S., 26,– DM.

Dieser Band enthält die publizistische Ausbeute eines viersemestrigen, interdisziplinären Studienprogramms an der Freien Universität Berlin. Aus Krippendorffs Einleitung wird deutlich, wie man das Problem verstanden hat: der Krieg galt weder als Ausdruck einer unabänderlichen, weil in der Natur des Menschen verwurzelten Machtkonkurrenz, noch als Folge "autonomer" Sachzwänge im internationalen System, sondern als spezifische Form des Austragens von Konflikten, deren Ursprung letztlich in den gesamtgesellschaftlichen Bedingungen internationaler Transaktionen zu suchen ist. Die Friedensforschung konnte in diesem Sinne nur als Bestandteil einer allgemeinen Konfliktforschung betrieben werden, fern jener Einseitigkeit, der man bei der "Realistischen Schule" der internationalen Politik, aber auch bei vielen Befürwortern des Weltstaates begegnet.

Dementsprechend hat der Herausgeber bei der Auswahl und Zusammenstellung der Beiträge verschiedene Zugänge zum Problem des Friedens versucht. Sein Ausgangspunkt dabei war nicht die Frage nach der möglichen Gestalt eines dauerhaften Friedens, sondern die Analyse und Kritik des traditionellen Droh- und Gewaltsystems. Ein solches Vorgehen ist nicht unproblematisch: Muß nicht eine Friedensforschung, die sich ausdrücklich als wertorientierte Wissenschaft präsentiert, erst einmal sagen, was sie sich unter einer Friedensordnung als Alternative zum bestehenden internationalen System vorstellt?

Diese Frage ist stichhaltig, soweit das Beharrungsvermögen des traditionellen Systems auf die Unbestimmtheit alternativer Ordnungsvorstellungen zurückgeführt werden kann. Aber meistens projizieren solche Alternativen (etwa der Weltstaat) die Negation des Bestehenden auf eine ferne Zukunft; es dürfte also beim gegenwärtigen Erkenntnisstand zunächst darauf ankommen, jenes Denken überwinden zu helfen, das den Menschen der vermeintlichen eigengesetzlichen und unabänderlichen internationalen Gewaltsamkeit ohnmächtig ausliefert. Die Friedensforscher müssen die Umweltbedingungen und Verhaltensmotivationen erhellen, die den Frieden bis heute in seiner Abhängigkeit vom Kriege oder der Androhung des Krieges gehalten haben.

Gemessen an diesem Anspruch, ist der vorliegende Band ein höchst informativer Beitrag zu einer notwendigen Kritik des "Kriegfriedens". Diese Kritik gliedert sich in mehrere Teile: die allgemeine Theorie des sozialen Konflikts (Quincy Wright, Michael Haas, Kenneth Boulding, Anatol Rapoport), die Korrelation zwischen Aggressivität und Krieg (Freud, Herbert Marcuse, Margaret Mead, und andere) und schließlich die rüstungspolitischen Faktoren der unaufhörlichen Konflikterwartung (Jerome B. Wiesner/Herbert F. York, Dieter Senghaas, Gerhard Brandt u. a.). Auch im vierten Teil ("Die Lösung internationaler Konflikte") werden keine umfassenden Alternativen zum bestehenden System geliefert, sondern pragmatisch neue Strategien oder Techniken der Verhaltensregulierung erarbeitet (Charles E. Osgood, Amitai Etzioni, und andere).

Die Schwierigkeiten einer neuen Defination des Friedens werden erst im letzten Teil ("Wege der Friedensforschung") von dem norwegischen Friedensforscher Johan Galtung etwas ausführlicher behandelt. Galtung hält eine bloß negative Friedensdefinition (Abwesenheit von Gewalt) für unbefriedigend, läßt aber zugleich erkennen, daß eine positive Definition, die über Kriterien wie "Kooperation" und "Integration" hinausginge, praktisch (noch) nicht zu leisten ist. Er hofft, "daß durch vertiefte Erforschung der Mittel und Wege auch die Ziele klarer" werden.

Zweifellos weist diese Erwartung einen möglichen Weg der Friedensforschung, will sie sich eine Perspektive des Fortschritts in der internationalen Politik bewahren, ohne eschatologischen Visionen zu verfallen, die ihren Anspruch auf Wissenschaftlichkeit in Frage stellen würden. Wenn sich die Friedensforschung somit als "werterlernende" Wissenschaft verstehen soll, so muß sie auch die Möglichkeiten des fortschrittlichen Lernens in der internationalen Politik selbst systematisch erforschen. Gerade solche lern- oder kommunikationstheoretischen Ansätze fehlen in der vorliegenden Anthologie. Dennoch ist sie sehr zu empfehlen, weil sie ein Problem bewußt macht, dessen Erforschung in Deutschland leider noch in den Anfängen steckt. Lothar Brock