"Als ich fünfzehn war... – Schriftsteller der Gegenwart erzählen", herausgegeben von Eckart Kroneberg. Wäre ich der rührige Verleger, ich hätte das Buch diesem und jenem um die Ohren gehauen. Es beginnt mit 1912 – hinten! Und endet 1957 – vorn! Das Prinzip der Auswahl, der Generations-Aufschlüsselung ist unerfindlich, der bio-bibliographische Anhang beim Aufbinden offenbar einer Putzfrau zum Opfer gefallen. Was sagt aber dem Leser eine Kindheitserinnerung, wenn er nicht weiß, was oder wen die zum Teil weniger bekannten Namen repräsentieren? Eine Analyse der siebzehn Jugend-Impressionen wurde gar nicht, erst versucht. Da die Beiträge weder dem Niveau, noch dem Zweck, noch der Methode nach unter einen Hut zu bringen waren, macht das Vorwort aus der Not eine Tugend: Mannigfaltigkeit! Lesenswert sind Handke, Schallück, Koval, Valentin und Wolfgang Paul. Und das Inhaltsverzeichnis, das viele Rätsel aufgibt. Ganzleinen. Auftragendes Papier. (Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn, Gütersloh; 187 S., 14,80 DM)

Martin Gregor-Dellin

"Das dritte Buch über Achim", Roman von Uwe Johnson; Die knapp acht Jahre, die seit dem Erscheinen dieses zweiten Buches von Johnson vergangensind, haben diesem nicht eben gut getan. Das Aufsehen damals kann nur am Thema gelegen haben. Inzwischen aber hat man sich trotz Johnson mit der deutschen Spaltung hinlänglich abgefunden, und mit dem Verlust an unmittelbarer Aktualität sind dem Buch auch alle anderen Qualitäten, die ihm damals gutgeschrieben wurden, abhanden gekommen. Seine Diktion, in jenen besseren Zeiten mit Vorliebe als spröde bezeichnet, wirkt heute ziemlich zäh und ledern, seine Romantechnik, wegen der durch sie verbreiteten Dunkelheit als das Modernste gerühmt, erregt nur noch Ungeduld. Der westdeutsche Journalist Karsch also verzweifelt an seinem Auftrag, die politische Biographie des DDR-Renommiersportlers Achim zu schreiben. Warum eigentlich? (Fischer Bücherei 959; 224 S., 2,80 DM)

Helmut Salzinger

"Männer – Eine Gebrauchsanleitung", von Michelle Maurois. Das Buch heißt "Männer", doch es geht um Frauen. André Maurois’ Tochter hat eine Liste von weiblichen Unarten angelegt. "je mehr Sie die Aufmerksamkeit auf die Fehler Ihres Gefährten lenken, um so weniger wird man Ihre eigenen bemerken." Oder: "Will er fernsehen, Karten spielen oder sich in die Lektüre der Abendzeitung vertiefen, ist der richtige Moment gekommen, ihm Ihre Zärtlichkeit zu beweisen..." Man sieht: der Tadel tritt als Ratschlag auf. Die eher schlichte Ironie wird von Michelle Maurois hartnäckig durchgehalten. Wenn die Autorin auch nur mit den albernen, den anmaßenden Ehefrauen rechtet – ihr Material, samt all den Schreckensszenen aus dem Leben von Politikern und Schriftstellern, ließe sich mindestens ebensogut gegen die Institution anführen, gegen diebürgerliche Ehe. (Verlag Ullstein, Berlin; 232 S., 12,– DM)Christa Rotzoll

"Am elften Tag", Prosa-Song von Uwe Brandner. Inden neunziger Jahren begann mit André Gides "Paludes" – einem Text, der daraus besteht, daß der Verfasser erzählt, wie er "Paludes" schreibt – die Tradition des 1948 von Sartre so genannten Anti-Romans. Einer der letzten in Deutschland stammt von Uwe Brandner (1941 geboren; Autor des "Abenteuer-, Liebes-, Kriminal-, Zukunfts- und Tatsachenromans" namens "Innerungen"). Es ist ein Song in Prosa über die Prosa, der ziemlich komisch und intelligent mit viel "Schnauze, Fallera, Tut Tut" konventionelle, literarische Schemen parodiert und eigentlich nunder Anti-Anti-Romanist. Denn berichtet wird vom Erleben vor dem Schreiben, nicht vom Schreiberlebnis selbst, und das dicke Ende sieht so aus: Brandner will schließlich das durchgängig "weiße Papier" beschriften, beginnt zu "schrei", – was heißt, er schreibt nicht –, und läßt statt -ben und vieler Worte eine Graphik folgen. (Verlag Literarisches Colloquium, Berlin; 34 S., 3,– DM) Christel Buschmann