Bonn

Georg Leber bereitet Deutschlands Taxifahrerfrauen unruhige Nächte. Des Ministers Plan, die heißumstrittene – Trennscheiben-Verordnung von einer Muß- zu einer Kannvorschrift umzuwandeln, erregt ihren Zorn aufs neue. So klagen sie den Reportern der Boulevardgazetten vor, sie könnten kein Auge zutun, wenn sie ihre Männer nachts auf den Straßen wüßten.

Doch ihre Männer denken da ganz anders. Kaum war bekannt geworden, was das Verkehrsministerium vorhat, da schlugen sie auch schon die Scheiben ein – obwohl der neue Erlaß noch einige Wochen, auf sich warten lassen wird. Bis dahin gilt unverändert, daß Panzerglas und dicköliges Blech Fahrer und Fahrgast voneinander trennen müssen.

So trennt die Trennscheibe die deutschen Taxifahrerfamilien, wie sie vor Jahr und Tag tiefe Trennlinien quer durch die politischen Parteien, die Regierung, die Berufsverbände der Taxiunternehmer und das taxifahrende Publikum gezogen hat. Einig war man sich in jenen Jahren, in denen sich die Morde an Taxichauffeuren häuften, nur darin, daß etwas geschehen müsse. Den Politikern gingen die Sternfahrten zu den Gräbern der Opfer, der Trauerflor an den Taxiantennen, das Lamento in der Öffentlichkeit alsbald auf die Nerven. Manche unter ihnen mochten es sich freilich nicht versagen, dem nach jedem Mord erhobenen Ruf nach der Todesstrafe andeutungsweise Sympathie zu bezeigen.

Indes, zur Demontage des Grundgesetzes kam es nicht. Auch der Vorschlag einiger schlichter Gemüter, jeden Taxifahrer mit Waffenschein und Pistole auszurüsten, war bald vom Tisch. Doch vor jedem anderen Vorschlag türmten sich handfeste wirtschaftliche Interessen. Von der Konstruktion einer besondern Kraftdroschke, wie sie in England üblich ist, wollte das Taxigewerbe nichts wissen. Auch spezielle Alarmanlagen schienen vielen zu teuer und obendrein zu wenig wirksam. Als schließlich vom 1. Januar 1967 an die Scheibe Wirklichkeit wurde, geschah dies gegen den erklärten – und durch eine vergebliche Klage beim Bundesverfassungsgericht erhärteten – Willen der meisten Angehörigen des rollenden Gewerbes.

Auch die Trennscheibe war den Taxiunternehmern zu teuer, außerdem zu störend. Sie erschwerte das Gespräch zwischen Fahrer und Fahrgast; beim Familienausflug am Wochenende besaß der zweigeteilte Mercedes nur noch halben Status wert; Hochzeitskutschen mit Trennscheibe waren wenig gefragt; langbeinige Fahrgäste mußten sich quer zum Sitz verstauen.

Im Grunde blieb die Partie zwischen Staat und Taxigewerbe unentschieden, weil die Erfahrungen die Hauptargumente beider Seiten bestätigten: sowohl die These, daß die Zahl der Morde zurückgehen werde, wie den Einwand, daß die zurückgehen Fahrgastkabinen die Unfallgefahr vergrößern würden. Tatsächlich sind nach Einführung der Trennscheibe nur noch drei Taxichauffeure umgebracht worden, und auch sie würden wahrscheinlich noch leben, wenn sie sich nach Vorschrift geschützt hätten. Im ersten Fall fehlte die Scheibe ganz, im zweiten war sie nicht geschlossen, im dritten Fall saß der Mörder, neben dem Fahrer.