Das Zehn-Punkte-Programm der Nationalen Befreiungsfront (NLF) und die Friedensrede des amerikanischen Präsidenten Nixon haben die diplomatischen Fronten des Vietnam-Konflikts in Bewegung gebracht, aber auch Besorgnisse bei der Regierung in Saigon geweckt.

US-Außenminister Rogers vermöchte bei seinen Gesprächen in der südvietnamesischen Hauptstadt bis zum Wochenanfang nicht die Bedenken zu zerstreuen, die dort gegen Kernpunkte des Nixon-Planes erhoben werden: gegen einen baldigen Rückzug der verbündeten Truppen, freie Wahlen und die Bildung einer Koalitionsregierung mit den Kommunisten. Staatspräsident Thieu wird auf eigenen Wunsch am 8. Juni mit Präsident Nixon auf der Pazifik-Insel Midwayzusammentreffen. Der südvietnamesische Außenminister Iran Chang Thanh versuchte die Bedeutung der Differenzen zwischen Saigon und Paris herunterzuspielen: bei dem geplanten Gipfelgespräch gehe es nur um "Nachkriegsprobleme".

Sehr kritisch, aber nicht völlig ablehnend haben Hanoi und die NLF reagiert. Auf der 17. Vietnam-Konferenz in Paris Mitte voriger Woche wurden die amerikanischen Vorschläge zwar als "absurd" bezeichnet, da sie einen "wechselseitigen" Abzug aller Truppen aus Südvietnam vorsehen; dadurch würden der Aggressor und sein Opfer, auf eine Stufe gestellt. Trotzdem glaubten amerikanische Konferenzbeobachter aus den Erklärungen der Gegenseite einen "relativ gemäßigten Ton" herauszuhören. US-Delegationschef Lodge sagte bei Ende der Sitzung: "Ich glaube, daß die andere Seite unsere Vorschläge offenbar prüfen will."Eine Woche nach dem Paket-Plan der Befreiungsfront, vier Monate nach Beginn seiner Amtszeit, hatte Nixon seine Vorschläge am Mittwoch voriger Woche in einer Fernsehansprache offeriert (Auszüge vgl. unten "Dokumente der Zeit"). Inhalt:

  • Nach einer Einigung zwischen Washington und Hanoi beginnen die nordvietnamesischen Streitkräfte mit dem Rückzug aus Südvietnam.
  • In einem Zeitraum von zwölf Monaten wird auch der größte Teil der amerikanischen und der anderen nichtsüdvietnamesischen Streitkräfte in vorher vereinbarten Phasen abziehen. Der Rest der alliierten Truppen geht in bestimmte Basisgebiete zurück und unternimmt keine Kampfhandlungen mehr.
  • Die verbleibenden US-Truppen und alliierten Streitkräfte werden die Beendigung ihres Abzugs einleiten, während die nordvietnamesischen Resteinheiten nach Nordvietnam zurückkehren.
  • Eine internationale Überwachungskommission, die für beideSeiten akzeptabel ist, verifiziert. den Abzug auf beiden Seiten und übernimmt alle anderen Aufgaben, die von beiden Seiten vereinbart werden.
  • Diese internationale Organisation nimmt ihre Tätigkeit in Einklang mit dem vereinbarten Zeitplan auf und wirkt am Zustandekommen eines kontrollierten Waffenstillstandes mit.
  • Nachdem die internationale Organisation ihre Tätigkeit aufgenommen hat, finden so bald wie möglich Wahlen statt, gemäß einem vereinbarten Verfahren und unter Kontrolle der internationalen Organisation.
  • Es werden Vorkehrungen für die frühestmögliche Entlassung der Kriegsgefangenen auf beiden Seiten getroffen.
  • Alle Parteien verpflichten sich, die Genfer Vereinbarungen von 1954 bezüglich. Vietnams und Kambodschas sowie die Laos-Übereinkunft von 1962 einzuhalten."

Die bisher gültige Verhandlungsplattform der Amerikaner war die sogenannte "Manila-Formel" von 1966, die noch Präsident Johnson entwickelt hatte. Der Acht-Punkte-Plan seines Nachfolgers ist im Vergleich flexibler und führt vielleicht eher zu einem Frieden, an dem Nixon den Erfolg seiner Präsidentschaft fortan messen lassen will. Durch ihn wird der Vietnam-Krieg, so lange er dauert, freilich auch Nixons Krieg.