Endlich Fortschritte bei den Pariser Vietnam-Verhandlungen?

Von Joachim Schwelien

Washington, im Mai

Wenn zwei das gleiche sagen, muß es nicht dasselbe bedeuten. Das ist auf die Rede Präsident Richard Nixons anwendbar, in der er seinen vom Chefberater Henry Kissinger entwickelten und in acht Punkten übersichtlich geordneten Friedensplan für Vietnam vorlegte.

Die Motivierung des amerikanischen Eingreifens in Vietnam und des Aufrechterhaltens der Minimalforderungen Washingtons auf die freie, durch keinen Zwang aus dem Norden beeinflußte Selbstbestimmung der Südvietnamesen ist mit geringfügigen Nuancen in der Terminologie noch die gleiche wie bei Lyndon Johnson und Dean Rusk. Nach wie vor wird die Domino-Theorie für Südostasien bei einem einseitigen Truppenabzug Amerikas als relevant angesehen, das Prestige als wirksamer Faktor der Diplomatie anerkannt, die Glaubwürdigkeit anderer Schutzverpflichtungen von der Haltbarkeit des amerikanischen Engagements in Saigon abhängig gemacht und der moralische Faktor von Treu und Glauben in Rechnung gesetzt. Sogar die versteckte Drohung fehlt in der sonst unpolemischen und nüchternen Rede nicht: andere Entscheidung gen könnten berührt werden, der Terror und die Kampftätigkeit der Kommunisten das Leiden in Vietnam nutzlos verlängern.

Thieu an langer Leine

Dennoch wirkt Nixons Ansprache wie eine in homöopathischen Dosen verabreichte Deeskalations-Medizin. Auf die meisten Friedensreden Johnsons folgten mehr Bomben und mehr Truppen; auf Nixons Offerte wird in naher Zukunft eine begrenzte Verminderung der amerikanischen Verbände folgen – es sei denn, der Gegner vereitelt diese Absicht mit massiven Einschleusungen und neuen Großangriffen. Vor allem hat sich das Schwergewicht der amerikanischen Politik mit dem Acht-Punkte-Plan leicht, aber fühlbar verschoben.