Freudenstadt

Man muß nicht Bärte und lange Mähnen tragen, um gegen den Rechtsradikalismus zu demonstrieren. Im Schwarzwald, wo er am schwärzesten ist und wo nach dem Urteil kritischer Beobachter die FDP die CSU ersetzen könnte, hat sich bürgerlicher Widerstand gegen die KPD formiert. Ein paar Lehrer bewiesen Zivilcourage – in Freudenstadt, einem Ort der Idylle, der weitgehend vom Kurbetrieb und der Landwirtschaft lebt.

Vor zwei Jahren fanden sie sich in privaten Gesprächen, erweiterten sie zu einem politischen Arbeitskreis, um gegen den Rechtsradikalismus der politisch inaktiven und vorurteilsbeladenen Bürgerschaft anzugehen. "Die erste Republik ist kaputtgegangen, weil die Leute sich nicht genügend engagiert haben. Wir sind alle um die dreißig. Wir standen gerade noch mit einem Bein in der NS-Zeit, waren damals noch zu jung, um Deutschland neu aufbauen zu helfen, aber doch alt genug, um von der Möglichkeit eines neuen Anfangs begeistert zu sein, wie die Erwachsenen es damals aus Überzeugung oder nolens volens auch waren."

Noch vor der letzten Landtagswahl – alarmiert vom Terraingewinn der NPD, die die unpolitische Mentalität der Bevölkerung geschickt ausnutzte, von der Unfähigkeit der Parteien, sich damit auseinanderzusetzen, den Aktionen der APO, die bei der ländlichen Bevölkerung auf kein Verständnis stoßen konnte – entschlossen sie sich, dem Mangel an Aufklärung und Sachinformation abzuhelfen. Sie suchten im Schneeballsystem. Mitarbeiter und fanden sie Mann um Mann: Angestellte, Arbeiter, Freiberufliche, sogar Landwirte, sogar einen Unternehmer, Parteimitglieder und Parteilose. Adresse: Bürgeraktion, Freudenstadt, Postfach 103.

Im Team besuchten sie Veranstaltungen der NPD, sammelten deren gängigste Thesen, analysierten sie und arbeiteten Gegenargumente aus, um sie bei der nächsten Versammlung vorzubringen. Sie gingen als Schwaben in schwäbische Bauernversammlungen, redeten die Bauern in ihrem Dialekt an und argumentierten sachlich. Sie wurden ernstgenommen. Sie druckten Flugblätter und verteilten sie in Freudenstadts Briefkästen, referierten vor Jugendkreisen, veranstalteten Podiumsdiskussionen. All das taten sie neben ihrer Berufsarbeit, oft nachts. Ihrer Aktivität schreiben sie es zu, daß Freudenstadt und Umgebung bei der Landtagswahl drei Prozent unter dem Landesdurchschnitt der NPD blieb.

Nach der Landtagswahl erweiterte der Kreis seine Stützpunkte. Die NPD-Aufklärer fanden Mitarbeiter in Weigertheim, Ditzingen, Ulm, Calw und Nagold; seit kurzem arbeiten sie mit der "Bürgeraktion zum Schutz der Demokratie" in Freiburg zusammen, die ebenfalls seit zwei Jahren mit dem Tübinger Arbeitskreis "Rechtsradikalismus" gemeinsam gegen Thadden kämpft. Sie waren es gewesen, die Gutmanns Vergangenheit an den Tag und damit den NPD-Landesvorsitzenden zu Fall gebracht haben.

Der Freiburger Verein arbeitet bereits im größeren Rahmen; über vierhundert Mitglieder finanzieren mit freiwilligen Spenden die Ausgaben. Sie besuchten vor der Landtagswahl rund 200 NPD-Veranstaltungen, druckten oft noch während der Versammlungen Flugblätter und verteilten sie an den Saalausgängen; "Soeben sagte Herr von Thadden...": "Die Verschuldung der öffentlichen Hand ist so groß, daß niemand mehr weiß, wie es weitergehen soll!" Antwort: "Die NPD übertreibt maßlos, um Angst zu erzeugen. Die Bundesrepublik ist im internationalen Vergleich eines der am wenigsten verschuldeten Länder. Die Schweiz, Holland, Frankreich und die USA sind um ein vielfaches höher verschuldet als wir. Glauben Sie etwa, daß die Schweiz vor einem Staatsbankrott steht? Eine kurzfristige Verschuldung war zur Arbeitsplatzerhaltung notwendig." Thadden: "Die Renten wurden gekürzt, indem die Rentner die Krankenversicherung unterstützen müssen." Antwort: "Richtig ist, die Renten erhöhen sich jährlich mit der Steigerung des Bruttosozialprodukts. Im letzten Jahr um acht Prozent. Seit 1956 um nahezu 100 Prozent. Von den acht Prozent gingen zwei Prozent an die Krankenkasse, zur Sicherung der alten Mitbürger vor Krankheit." Thadden: "Die Ludwigsburger Zentrale muß abgeschafft werden!" Antwort: "Es zählt zur Würde einer Nation, sich von Mördern zu trennen. Ein weißes Tischtuch ist besser als ein braungeflecktes! Es werden in Ludwigsburg nur solche Taten verfolgt, die nach unserem auch im Dritten Reich gültigen Strafgesetzbuch als Mord anzusehen waren."