Harold C. Deutsch: "Verschwörung gegen den Krieg. Der Widerstand in den Jahren 1939–1940"; Verlag C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München 1969; 433 S., 28,– DM.

Dieses Buch, eine Übersetzung aus dem Amerikanischen von Christian Spiel, behandelt den militärischen und bürgerlichen Widerstand in Deutschland von September 1939 bis zum Mai 1940. Der Verfasser nennt sie "die zweite Phase" des Widerstandes, den er 1938 anfangen läßt, als es angesichts der Kriegsdrohung Hitlers zum erstenmal möglich war, einen Staatsstreich zu planen. Die Frage, warum sich diese Gruppen nicht früher zum Widerstand bekannten und die Entwicklung des Widerstandes in den Jahren 1933–1938 überhaupt läßt er fast ganz außer Betracht.

Der Verfasser, der an der Universität von Minneapolis Geschichte doziert, hat die verloren geglaubten Tagebücher Helmuth Groscurths wieder gefunden. Groscurth war Vertrauter von Admiral Canaris und Verbindungsmann der Widerstandsgruppe Oster beim Chef des Generalstabes des Heeres, Halder, hatte also eine Schlüsselstellung inne. Zusammen mit dem Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, Helmut Krausnick, gibt Deutsch demnächst bei der Deutschen Verlagsanstalt diese Tagebücher heraus, die zu den wichtigsten Quellen des Widerstandes gerechnet werden müssen.

Sein Interesse für den deutschen Widerstand ist bei ihm nicht plötzlich aufgekommen. Als er Ende 1936 Deutschland besuchte, um dort die Änderungen nach der Machtübernahme zu studieren, hatte er schon ein ausführliches Gespräch mit Karl Goerdeler, damals Oberbürgermeister von Leipzig. Als Mitarbeiter des State Department vernahm er 1945 verschiedene gefangene deutsche Generäle. Seit dem Ende der fünfziger Jahre hat er viele Überlebende befragt, die für seine Untersuchungen wertvolle Auskünfte geben konnten. Zu ihnen zählen Diplomaten wie Hasso von Etzdorf, Erich Kordt und Albrecht von Kessel, Generäle wie Halder, Hoßbach und von Gersdorff und SD-Figuren wie Huppenkothen und Sonderegger, die sich nach dem mißlungenen Attentat vom 20. Juli 1944 auf Grund gefundener und nachher verlorengegangener Papiere auch in diese Materie vertieft hatten. Seine "Kronzeugen" sind der Privatsekretär Pius XII., Leiber, und der Abwehrmann Josef Müller, der nach dem Krieg als bayerischer Politiker hervortrat.

Von der gründlichen Arbeitsweise des Verfassers geben die Anmerkungen, in denen öfters kontroverse Aussagen und sich widersprechende Tatsachen minutiös untersucht werden, ein deutliches Bild. Das Ergebnis, freilich hie und da etwas dünn belegt, bedeutet eine wertvolle Ergänzung, manchmal eine nicht unwichtige Korrektur der Arbeiten von Gisevius, Kosthorst und Sendtner. Zum größten Teil auf den Notizen Groscurths fußend, weiß der Autor im ersten Teil seiner Arbeit ein weit nuancierteres Bild der Entwicklungen beim Militär zu geben als bisher bekannt war. Sogar der als feuriger Nationalsozialist geltende General von Reichenau wandte sich gegen Hitlers Plan einer Westoffensive (wohlgemerkt in einem Gespräch mit Goerdeler!) und ließ über Dänemark die Engländer warnen.

Zentrum der Gegenaktivität war Berlin, wo die Gruppe um Staatssekretär von Weizsäcker (Auswärtiges Amt) und die Gruppe um Oberst Oster (Abwehr) unablässig die Generäle und vor allem Halder zum Eingreifen aufforderten. Um die verschiedenen Aktionen besser koordinieren zu können, wurden Groscurth, der bis dahin Abteilungsleiter bei der Abwehr war, und der Diplomat von Etzdorf als Verbindungsmänner dem Stabe Halders zugeteilt. Dieser, von beiden beeinflußt, beauftragte Groscurth, die alten Pläne für einen Staatsstreich, an deren Vorbereitung Groscurth 1938 beteiligt gewesen war, zu ergänzen; Halder stoppte sogar einige Divisionen auf dem Weg von Polen zur deutschen Westgrenze, um sie griffbereit in der Nähe zu haben, und trug mehrere Tage lang eine Pistole bei sich, um notfalls selber Hitler zu erschießen.

Den entscheidenden Schritt wagte Halder jedoch nicht. Er versteckte sich hinter anderen, schickte die Divisionen schon Anfang November 1939 weiter, distanzierte sich mehr und mehr von den beiden Widerstandsgruppen und ließ sich von v. Brauchitsch, dem Oberbefehlshaber des Heeres, wieder fester an Hitler binden. Groscurth wurde versetzt. Die Mehrzahl der Generäle ließ sich für den Angriffskrieg im Westen gewinnen. Die wenigen anderen, wie der nach dem Kriege in ostdeutsche Dienste getretene Vincenz Müller, von Witzleben und von Leeb, um nur einige Namen zu nennen, waren zu isoliert, als daß sie entscheidend hätten eingreifen können.