Von Barbara Knoelke

In welchem Ausmaß Humor und Ironie als Reaktion der Individualität auf Unterdrückung und Zensur, als Ausweg aus einer, sowohl politisch als auch wirtschaftlich, recht komplizierten Lage verstanden werden können, das zeigte sich im diesjährigen Prager Vorfrühling bei den verschiedenartigsten Anlässen.

So hatte zum Beispiel die Literaturzeitschrift "Listy", das soeben verbotene Prager Schriftstellerorgan, die verschärften Zensurmaßnahmen, denen Rundfunk und Fernsehen schon lange anheim gefallen sind, mit nicht zu übersehender Ironie beantwortet: Auf der Titelseite der dritten Aprilausgabe präsentierte man an Stelle der früher üblichen und von den Lesern mit Spannung erwarteten Kommentare nicht nur die harmlose Beschreibung einer abgebildeten Photographie, die das ehemalige Redaktionsgebäude am Moldau-Ufer zeigt, sondern auch eine noch viel harmlosere Abhandlung über Herkunft und Nützlichkeit eines – Topfes!

Und wenn man am Abend durch die romantischen, von schwacher Gasbeleuchtung erhellten Gäßchen der Stare Mesto, der Altstadt, bummelt, so tönt einem aus Studentenkehlen eine alte russische Volksweise mit parodiertem Text entgegen: "Iwan, geh’ nach Hause, Natascha erwartet dich..."

Daß auch das Theater eine Art unterschwelligen Humors betreibt, bewies man im Cinoherni Club, Prags derzeit ambitioniertestem und seit seiner Gründung vor vier Jahren von der Jugend am meisten frequentiertem Theater. Bereits im dritten Jahr spielt man dort mit größtem Erfolg Gogols "Revisor", der auf Grund der außergewöhnlich starken Nachfrage immer wieder aufpoliert wird.

Die diesjährige Politur bezog sich auf die letzte Szene: Gemäß den derzeitigen Gefühlen für die Sowjets kann es sich bei dem echten Revisor nur – um einen Russen handeln. Um diese Tatsache zu verdeutlichen, erfolgt seine Ankündigung am Ende der Gogol’schen Satire auf die Macht militärisch knapp in – russischer Sprache! Das Publikum reagiert mit Lachstürmen und Sonderapplaus.

Für die Millionenstadt Prag hat das Theater seit den Passionsspielen zu Beginn des 18. Jahrhunderts – die gerade durch den tschechischen Theaterwissenschaftler Jan Kopetzki eine unter starker Anteilnahme des Publikums erfolgreiche Renaissance erfahren – seinen festen Platz im Leben der Bevölkerung; jetzt ist es eine der letzten Bastionen der Freiheit.