Für Prag neu und mit politischem Kabarett gekoppelt sind Striptease-Vorführungen in einigen Barbetrieben. Was unter Novotny streng verboten war, wird nun, um eine Art Scheinfreiheit zu gewähren, erlaubt. Solche Barbesuche sind jedoch dem Durchschnittsbürger aus finanziellen Gründen kaum möglich, selbst dann nicht, wenn er mehreren Berufen nachgeht, wie das hier üblich geworden zu sein scheint.

Wegen der unsicheren politischen und wirtschaftlichen Lage ist die Kauffreudigkeit der Bevölkerung gegenüber Weihnachten, wo sie sonst ihren Höhepunkt erreicht, im Frühjahr noch gestiegen. An Lebensmitteln herrscht keine Knappheit, aber Raritäten, zum Beispiel amerikanische Konserven, werden sofort, zum Teil unter dem Ladentisch, aufgekauft.

Eine große Nachfrage herrscht nach Devisen, und der westliche Besucher wird auf seinem Rundgang durch die Stadt ungezählte Male zum Schwarztausch verleitet. Nicht immer sind die westlichen Zahlungsmittel für Reisen in den Westen bestimmt. Sie dienen auch zum Einkauf der begehrten Tuzex-Bons, auf die man in den Tuzex-Verkaufsstellen rare Waren erhalten kann.

Besondere Bedeutung kommt den Kaffeehäusern und Bierstuben zu (Bier ist bekanntlich! das nationale Getränk), in denen man nicht nur die Zeitungen "Lidová demokracie", "Práce", "Vecerni Praha" und sogar "Rudé Právo" liest, sondern mit den Tischnachbarn über die Politik diskutiert.

Kennern der Situation fällt allerdings eine gewisse politische Müdigkeit auf: Man überdenkt die Niederlage und nimmt sie als Realität, ohne sich in Illusionen zu flüchten. Es geht darum, Zeit zu gewinnen, Ruhe zu wahren und Raum zu schaffen für die Realisierung des Januar-Programmes, auf das man immer noch hofft. Man ist bestrebt, das Schlimmste zum Schlechten, das Schlechte zum Besseren und das Bessere zum Guten zu wenden. Und nach den anfänglichen Mißfallensäußerungen gegen Husaks Position der starken Hand erhofft man sich nun von seiner Taktik einigen Erfolg.

"Das Hauptproblem der tschechischen, Politik besteht darin, daß sie sich bemüht, sehr klug zu sein, eine Großmacht es sich jedoch erlauben kann, sehr dumm zu sein", war der Kommentar einer Prager Journalistin.

Bei der politischen Lage ist es ganz natürlich, daß sich das von Marta Kubišova gesungene Chanson "Gebet für Marta" noch immer größter Beliebtheit erfreut: "Oh, tschechisches Volk, ich glaube, daß nach dem Gewitter die Regierung deiner Angelegenheiten wieder in deine Hände zurückkehrt..."