Wenige Tage nach der Absetzung Dubčeks übergoß sich in Riga ein junger Mann mit Benzin und setzte sich in Brand. In der Nähe stehende Matrosen stürzten sich sofort auf die lebende Fackel, zogen ihre Jacken aus und erstickten die Flammen. Dann sahen sie ein Schild, das der Selbstverbrenner mit sich führte: Jurij Rips, 19 Jahre, Mathematikstudent, protestierte gegen die fortgesetzte sowjetische Intervention in der Tschechoslowakei. Die Matrosen verprügelten den soeben vom Flammentod Geretteten; mit Verbrennungen befindet er sich jetzt in einem Moskauer Gefängnishospital. Den letzten Anstoß zu seiner Tat soll eine Sendung des Rigaer Fernsehens gegeben haben, in der er beschuldigt worden sein soll, sich zionistischen Einflüssen geöffnet zu haben.

Den Flammentod aus Protest suchte auch der 42 Jahre alte ukrainische Lehrer. Iwan Makucha, Vater von zwei Kindern. Im Getriebe der Hauptstraße von Kiew, auf dem Chreschtschatik, setzte er sich in Brand – und verbrannte. Nach den über diese Selbstverbrennungen in den Westen gelangten Nachrichten hat sich die Tat bereits am 5. November 1968 ereignet, am Vorabend also der Revolutionsfeier. Motiv Makuchas: ukrainisches Nationalbewußtsein. Vor allem in der Intelligenz der Ukraine breitet sich die Proteststimmung dagegen aus, daß es außerhalb der ukrainischen Sowjetrepublik weder Schulunterricht noch Zeitungen in der ukrainischen Muttersprache gibt, obwohl mehr als 5 Millionen Ukrainer in anderen Teilen der Sowjetunion leben. Der Protest habe, so heißt es, auch wirtschaftliche Hintergründe. Obwohl es in den westukrainischen Städten ein großes Arbeitskräftepotential gebe, würden dort keine Fabriken gebaut. Statt dessen versuchten die Behörden, durch verstärkte Werbung schlecht beschäftigte Familien zur Umsiedlung in den Fernen Osten zu bewegen.

Bemerkenswert ist, daß Iwan Makucha lange, vor Jan Pallach sein Flammen-Fanal setzte.

D. Z.