Von Ben Witter

Die meisten Verbrechen in Hamburg werden immer noch auf St. Pauli verübt. Ich ging deshalb zur Davidswache. Sie ist ungefähr hundert Jahre alt und soll jetzt für zweihundertfünfzigtausend Mark renoviert werden. In den Gardinen des Aufenthaltraumes der Zivilfahnder der Schutzpolizei waren Löcher. Acki, Tarzan und Karl-Heinz, der bereits dreimal unter Einsatz seines Lebens dienstliche Leistungen vollbracht hat, tranken Coca-Cola.

Acki begann: "Angenommen, ich observiere einen Ganoven, der sich irgendwo einige Cola mit Rum leistet; in manchen Läden kostet das Getränk zehn Mark, schon setze ich zu. Meine Tagesspesen betragen fünf Mark. Und verfolge ich ihn schließlich mit meinem Wagen, oft sind Dienstfahrzeuge knapp, werden mir nur fünfzig Kilometer ersetzt, aber was sind fünfzig Kilometer, und brauche ich mal dringend zwanzigtausend Mark, um als Käufer für heiße Waren aufzutreten, kann ich nicht den zeitraubenden Dienstweg beschreiten, ich hole sie mir von einem Gastwirt, der solche Beträge in der Hosentasche verwahrt..." Acki war heiser.

Karl-Heinz hätte fast einmal seinen Dienst quittiert, weil er mit einem Kollegen Fahndungen durchführen sollte, der den Schwierigkeiten nicht gewachsen war. Karl-Heinz führt eine eigene Verbrecherkartei, die er in seiner Freizeit regelmäßig ergänzt. Material liefert ihm auch die Sittenpolizei. Karl-Heinz hält es nicht für ausgeschlossen, daß Kollegen vom Einbruchsdezernat im Polizeipräsidium sein Album gern beseitigen würden. Karl-Heinz weiß alles über die St.-Pauli-Ganoven. Sie respektieren ihn, denn er macht sich nicht wichtig, hält Distanz, zieht keine voreiligen Schlüsse und riskierte auch einiges.

Acki bemängelte, daß Zivilfahnder von den Sonderdienststellen zuweilen nicht ernst genommen werden. Diese Beamten sind Angehörige der Schutzpolizei, nicht der Kriminalpolizei. "Zivilfahnder, das ist beinahe ein Schimpfwort", fuhr er fort, "und die Herren machen auf eigene Faust in unserem Revier Fahndungen, wofür sie bestimmt ihre Gründe haben: aber sie quetschen Portiers und Eckensteher aus, statt vorher uns zu fragen. Wir kennen das sogenannte lokale Verbrechertum genau."

Er hustete, und Tarzan schaltete sich ein: "Unsere Erfolge werden von den Dezernaten mit Vorliebe verkleinert. Sogar V-Männer möchten sie uns abspenstig machen; was wären wir wohl ohne sie? Die sind allerdings äußerst empfindlich, und falls sie merken, daß wir sie nicht mehr betreuen und sich von den anderen unter Druck gesetzt fühlen, werden sie unsicher, verraten sich vielleicht, und plötzlich liegt womöglich eine Leiche vor der Davidswache."

Acki hielt mir eine Scheibe Haschisch unter die Nase und verschwand. Nach knapp zwei Zigarettenlängen stieß er die Tür auf und schob einen Mann herein, den man in der Mitte knicken könnte: lang und zu dünn, zu kleine Füße und ein wachsbleiches Gesicht. "Ich konnte meinen V-Mann nicht länger warten lassen", entschuldigte sich Acki, "ihm sind zwei Kilo Haschisch angeboten worden, der Verkäufer will gleich wiederkommen."