Berlin

Was gibt’s?" hatte ihn der Erbprinz zu Löwenstein gefragt, als er in die Schloßküche hinuntergestiegen war, um zu probieren. Doch Karl Palleta liebte zu sehr die Manieren, als daß er dem jungen Herrn eine Kostprobe auf der Gabel hätte reichen wollen. In diesem Augenblick kam ihm die Idee von den Happen. Palleta spießte einen Querschnitt des Menüs in bißgroßen Stücken auf einen Zahnstocher und hatte die "Cocktail-Titpits" erfunden. Doch weil es auf dem "kulinarischen Feld" keine Patente gibt, wäre es Palleta lieber, er hätte die Nähnadel erfunden: Der epochale Einfall mit der "Speise ohne Abwasch" brachte kein Geld, nur schnell überlebte Ehren.

Jetzt, wo er siebzig ist und lange nicht mehr kocht, wurde er als Maler berühmt. Die Preiskategorie "für einen Apfel und ein Ei" konnte er dabei gleich überspringen und seine Bilder an der Tausendmarkgrenze ansiedeln. Aus seinen Erinnerungen hochgescheucht, kostet der kinderlose Witwer nun an seiner neuen Berühmtheit – mehr mißtrauisch als fröhlich und ärgert sich über die Jahre des Leerlaufs. Er ärgert sich über die Ahnungslosen, die seinen Bildern sogar die Ausstellung bei der Berliner "Juryfreien" verweigerten. Nur einmal hing er mitten im Abschaum übler Sonntagsmalerei, neben steigenden Hengsten auf der Gewitterwiese und den trunkenen Schiffen auf der feurigen See.

Vor solchen Deplacierungen schützt ihn jetzt die "Kleine Weltlaterne", eine Galeriekneipe in Berlin-Kreuzberg. Die Wirtin Hertha Fiedler, groß im Gespür für solche keimenden Fälle, hat den Koch-Maler Palleta exklusiv. Die Berliner Kritik rubriziert ihn unter die Naiven ... Und dort, wo der Koch Palleta dem Maler Palleta die Motive gab, ist er am besten.

Seine hochstilisierte, mit allen eßbaren Kleinodien gepanzerte Languste, seine "Tempelhofer Happen", jene "Titpits", die er 1923 zur Eröffnung der ersten Tempelhofer Fluglinie tausendfach für ein Presse-Essen variierte – diese Bilder verraten den Koch mit dem Sinn für Höheres. Das meiste, was Palleta kochte und dekorierte, hat er photographiert und danach gemalt. Seine "Trüffelzeichnungen" beispielsweise waren fein wie Scherenschnitte und machten einen Schinken zu einer Elegie. "Ich mache Präzisionsarbeit", sagt er. Jede Pistazie, die er garnierte, jede Kaviarkugel, die er einem hartgekochten Ei als Auge, Mund oder Nase einsetzte, jeden Trüffel, den er in zwirnsfadendünne Streifen schnitt, um damit eine Szene zu konturieren, sind auch die Sujets seiner Ölbilder.

Der "Poularde à la forestiere" gab er Perlmuttflügel aus Champignonlamellen. Er bettet einen Aal wie einen toten Pharao, ummauert ihn mit einem Schwarz-Weiß-Mosaik aus Speck und Trüffeln, unterbricht das Muster mit der Querschnittsansicht gefüllter Oliven, stellt das alles vor einen schwarzen Hintergrund und scheint damit alle zu warnen, davon zu essen.

Karl Palleta wurde in Mariaschein im Erzgebirge geboren. Brückenbauingenieur wollte er zuerst werden, dann Kunstmaler. Gegen diesen "Hungerberuf" stemmte sich aber die Verwandtschaft. "Stimmt auch", sagt er heute, wer male müsse hungern. Im unterfränkischen Kleinheubach begann er die Kochlaufbahn in der Kleinheubacher Schloßküche des Fürsten zu Löwenstein. Er reiste. Auguste Escoffier, der Koch aller Köche, ehrte ihn 1929 auf der Internationalen Kochkunstausstellung in Kopenhagen.