Von Carl-Christian Kaiser

Er ist der Größte. Mit 1,93 Meter lichter Höhe und ansehnlichem Umfang macht Helmut Kohl schon wegen seiner Statur Aufsehen. Unter seinen Pfälzern und Rheinländern, die eher zu körperlichem Mittelmaß neigen, ragt er hervor. Hinzu kommt eine Stimme, die sich durchsetzen kann.

Beides, Statur und Stimme, nutzt Helmut Kohl bewußt auch als politisches Mittel. Er hat eine naive Freude daran, Versammlungen schon durch seine Erscheinung zu beherrschen. Im Gespräch erwähnt er als eines der Merkmale, die einen Politiker kennzeichnen sollten, jene robuste Kondition, die er stets bewiesen hat. Und zur Erläuterung seines Selbstgefühls und seines Selbstvertrauens gebraucht er das Bild vom Zwei-Meter-Mann Kohl, der mutterseelenallein auf eine Demonstrantenkette zugeht. Er sagt es natürlich nicht, aber unverkennbar heißt der Tenor: mir kann keiner –

Es hat ihm auch keiner gekonnt. Wennngleich er das Wort vom "Senkrechtstarter" nicht hören will und auf die Zeit, die Arbeitskraft und Intensität hinweist, die er in seine Karriere investiert habe, so nimmt sich sein politischer Lebenslauf doch wie ein Schnellzugfahrplan aus: noch als Schüler Eintritt in die Junge Union der CDU; mit 25 Jahren Mitglied des CDU-Landesvorstands; mit 28 Jahren jüngster Abgeordneter im Mainzer Landtag; mit 31 Jahren stellvertretender Fraktionsvorsitzender; mit 33 Jahren Fraktionsvorsitzender; mit 36 Jahren Landesvorsitzender der CDU – und seit Anfang dieser Woche, mit 39 Jahren, Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz.

Bei diesem unaufhaltsamen Aufstieg des Helmut Kohl war die Bestellung zum Fraktionsvorsitzenden die entscheidende Station. Dieser Posten sei für ihn ein Maßanzug gewesen, sagt er. Rasch wurde daraus ein zweites Machtzentrum neben der Staatskanzlei des Landesvaters Peter Altmeier, der Ausgangspunkt zu jener planmäßigen Ablösung, die sich jetzt vollzogen hat. Man kann nicht sagen, daß Kohl seinen Vorgänger, der ihm anfangs mit Groll und Mißtrauen, dann mit freundlich-distanzierter Resignation begegnete, verdrängt habe. Aber fast unmerklich wuchs sein Einfluß von Jahr zu Jahr, verschoben sich die Gewichte immer weiter zu seinen Gunsten, so daß es am Ende wie selbstverständlich erschien, ihn als Ministerpräsidenten auf den Schild zu heben.

Oft wird das Geheimnis dieses Erfolgs nur in Kohls Zielstrebigkeit, seiner Willenskraft, seiner Ellenbogen-Politik, in der Unbekümmertheit gesehen, mit der er sich nahm, was erreichbar war. Darin schwingt die Erinnerung an jenen zornigen jungen Mann der fünfziger Jahre mit, der die Parteihonoratioren mit Attacken auf ihre Selbstzufriedenheit und ihre politischen Tabus erschreckte. Wo immer der große Mann mit der großen Pfeife aufgetaucht sei, so wird berichtet, habe es auf der Stelle Krach gegeben. "Einem bösen Hund", sagt Kohl rückblickend, "gibt man eben ein Stück Brot mehr."

Aber allein aus dieser Taktik und dem ungenierten Selbstbewußtsein, das er mittlerweile zügelt, ohne es zu unterdrücken, erklärt sich der Erfolg nicht. Wenn Kohl gegen den Einfluß des katholischen Klerus zwischen Rhein und Mosel, gegen die Gartenlauben-Gemütlichkeit in der heimischen CDU, gegen die Rückständigkeit der von den Mainzer Parteifreunden betriebenen Politik wetterte, dann sprach er nur aus, was viele Rheinland-Pfälzer auch dachten. Die wirtschaftlichen, sozialen, kulturpolitischen Probleme des nach dem Kriege aus ganz verschiedenen historischen Provinzen zusammengestückelten Landes boten dem Neuerer eine Kulisse, vor der er sich um so glänzender abhob. Es ist kein Zufall, wenn Kohl immer wieder davon spricht, daß der Zug jetzt nach vorn fahre. Lange Zeit war Rheinland-Pfalz das Schlußlicht.