Von Rudolf Braunburg

Der amerikanische Kapitän, der über Long Island seit anderthalb Stunden auf die Anfluggenehmigung für Kennedy-Airport wartete, vertröstete seine Martini schlürfenden Passagiere mit einer ironischen Durchsage:

"Meine Damen und Herren! Wenn Sie vor fünfundreißig Jahren in Washington zur gleichen Tageszeit wie heute in die Tin Lizzy gestiegen wären, würden Sie jetzt in New York landen. Wir aber müssen noch weitere vierzig Minuten warten."

Den jährlich mehr als sechzehn Millionen Amerikanern, die ein Verkehrsflugzeug benutzen, um den überfüllten Highways, den zugigen Privatbahnen und der Aussicht zu entgehen, auf der Straße dreizehnmal rascher zu verunglücken als auf dem Luftweg, sind solche und ähnliche Rechenexempel nicht unbekannt. In der Tat, zur Zeit der "Tin Lizzy", wie die "Ford Tri-Motor", ein Schulterdecker für ein Dutzend Fluggäste, damals analog zum berühmten Fordwagen "Modell T" genannt wurde, wäre man in diesem (schon alltäglichen Fall) schneller gereist.

Auch in Europa, wo man rund zehn Jahre hinter den zivilisatorischen Errungenschaften der Neuen Welt herhinkt, muß der "Verkehrsteilnehmer" immer mehr und immer längere Wartezeiten über den aeronautischen Ballungszentren in Kauf nehmender hat es spätestens seit dem Go-slow-Streik der deutschen Flugsicherungsbeamten erfahren. Angesichts der in strahlendem Sonnenlicht vorbeigleitenden Zielhäfen fragen sich die Fluggäste, weshalb ihre Maschine in Reichweite der womöglich deutlich sichtbaren Landebahn noch dreißig Warteschleifen ziehen muß und durch welche obskure Hintertür eigentlich jener Fortschritt entwichen sei, der unter dem Schlagwort "Zeitersparnis" so intensiv gepriesen wurde.

Ein Passagier auf dem Washington–New-York-Flug, auf dem der Kapitän die Wartezeit mit Ironie verkürzte, präzisierte das Problem: "Die Fluggesellschaften rechnen jährlich aus, wie viele Millionen ihnen durch Nebeltage verlorengehen; und die Herren Ingenieure behaupten seit zehn Jahren, die vollautomatische Schlechtwetterlandung stehe nun endlich unmittelbar bevor. Offenbar aber haben alle auf die falsche Karte gesetzt. Meine Flüge sind bisher ein einziges Mal wegen Wetter, hingegen sechsmal aus flugsicherungstechnischen Gründen verspätet worden."

Unter jener aus Washington kommenden DC-9 voller Elektronik, Alkohol und verspätungsgewohnten Passagieren, die über dem Wartefunkfeuer "Deer Park" kurvte, flog eine Europa-Langstrecken-Boeing, deren Kommandant auf 51 Nord, 65 West, beim Überqueren der Mingan-Straße zwischen Labrador und Anticosti-Island, eine wesentlich positivere Ansage gemacht hatte: