Doch spannen wir einmal den Bogen vom Zukunftsextrem zurück in die Mythologie: zu Ikarus. Was er tat, wird von der üblichen Schulmeisterweisheit, die ihn in bezeichnender Schizophrenie einerseits als den Erfüller uralten Menschheitstraums, andererseits als den strafwürdigen Verwegenen erklärt, nicht erkannt. Ikarus hat, als Inhaftierter auf der Insel Kreta, zunächst nicht das geringste mit der Fliegerei zu schaffen. Er ist nichts als der gehorsame Sohn seines Vaters Dädalus. Auch Dädalus will nicht fliegen – er will fliehen. Nach Überprüfung aller Fluchtmöglichkeiten bleibt ihm, enttäuschenderweise, nur die Luft als letzter Ausweg:

Die Geburt des Fliegens eben nicht als Erfüllung eines uralten Menschheitstraumes, sondern als Folge nüchternen Zweckdenkens.

Erst als Ikarus sich brav hinter seinem Vater an den Inseln Samos, Delos und Paros vorübergeschwungen hat, entpuppt er sich als aufbegehrender Sohn, aus anderem Holz geschnitzt als sein greiser Vater. Nichts hält ihn mehr, das ominöse Naturgesetz von Auftrieb und Widerstand genauer zu erforschen; er gelangt zum l’art pour l’art des Fliegens.

Es ist bezeichnend, daß Dädalus, nach dem ersten Flugunfall in der Geschichte abendländischer Kultur, mit dem Schiff in seine Heimat Sizilien zurückkehrt. Nie wieder beschäftigt er sich mit der Vervollkommnung seiner genialen Erfindung. Ihr Zweck hat sich mit der Flucht aus der Festung des Minos erschöpft.

Welche Seite der Fliegerei sich in unserem Jahrhundert am Beispiel moderner Verkehrsluftfahrt manifestiert, bedarf weiter keiner Erläuterung: Es ist nicht die des Ikarus, nicht die des Wagens, des Siegens und auch des Verlierens! Längst ist Schwerkraftüberwindung so kompliziert, so kostspielig geworden, daß sich keine Luftfahrtgesellschaft den Luxus leisten könnte, einem ihrer Piloten, den es gerade in einer Anwandlung Ikarusschen Aufwärtsstrebens in die Stratosphäre drängt, privat eine Boeing und zwanzig Tonnen Kerosin zur Verfügung zu stellen.

Der Pilot hat sich – sehr zu Recht – den Paragraphen seiner Gesellschaft zu unterwerfen. Das Unternehmen verfolgt den Zweck, Passagiere möglichst sicher, komfortabel, planmäßig und wirtschaftlich von A nach B befördern zu lassen; es kalkuliert aus Existenzzwang mit Dädalosscher Zweckmäßigkeit. Und obwohl ein Unternehmen mit der Wirtschaftlichkeit steht oder fällt, rangiert die Ökonomie an letzter Stelle der Skala Sicherheit–Komfort–Planmäßigkeit–Pünktlichkeit–Wirtschaftlichkeit.

Der Feststellung, daß im Bereich des Luftverkehrs die genialsten technischen Erfindungen nüchtern-sachlichen Zwecken dienen und daß die Profanisierung schöpferischen Ideenreichtums Existenznotwendigkeit eines jeden modernen Unternehmens ist, sei einleitend eine Standortbestimmung vorangestellt, die gerade jetzt, da (wieder einmal) vom Anbruch einer neuen aeronautischen Epoche die Rede ist, notwendig erscheint.