Jeder Quadratmeter, der sich als Passagiersitz verkaufen läßt, muß verkauft werden –, diese verständliche Argumentation der Gesellschaften in hartem Konkurrenzkampf erklärt, weshalb der moderne, in der Werbung so exklusiv herausgestellte Flugkapitän heute in seinem Langstreckenjet kaum mehr Raum zur Verfügung hat als der gute alte Lindbergh in seinem einmotorigen Schulterdecker.

Ein amerikanischer Kapitän, dem angesichts wachsender Passagierzahlen unbehaglich wurde, äußerte in Anbetracht der mitwachsenden Verantwortung: "Man hat mir großartige elektronische Instrumente eingebaut, die Ingenieur und Navigator einwandfrei ersetzen. Ich werde vollautomatische Blindanflüge machen können. Das Landen besorgt eine elektronische Abfangvorrichtung. Auf einer Mattscheibe kann ich lückenlos meinen Standort während des gesamten Fluges erkennen. Nur eines hat man vergessen einzubauen: ein vollelektronisches Gerät, das mir meine Verantwortung für fünfhundert Passagiere abnimmt!"

Ein Flug, so ließe sich im Sinne der Fluggesellschaft etwa formulieren, wird nur durch die Zusammenarbeit aller Abteilungen ermöglicht: kein Flug ohne Werbung, ohne Passagiersitzverkauf, ohne Wetterwarte, ohne Flugplanberechnung, ohne Genehmigung der Flugsicherung. Das kleinste Mädchen, das den Flugschein verkauft, trägt dazu bei, den Flug zu ermöglichen; im Dädalusschen Zeitalter wäre die Karriere eines Kapitäns rasch beendet, würde die Verkaufsabteilung nicht für stetige Kabinenauffüllung sorgen.

Gewiß, aber eines hebt den Flugkapitän stratosphärenhoch über alle "Eingliederungsversuche" hinaus: Alle mögen sie schwere Fehler begehen – die unmittelbare Verantwortung für Menschenleben trägt unmittelbar und juristisch nur er allein. Das mag den großen Kommandanten zunächst nur auf die Stufe eines Taxichauffeurs stellen.

Tatsächlich kann man dem Vergleich Taxichauffeur – Flugkapitän oft und allen Ernstes begegnen. Eine winzige Kleinigkeit aber besorgt die Differenzierung: Der Fahrer eines Wagens kann, falls er einmal nicht weiter weiß, jederzeit rechts heranfahren und in Ruhe überlegen; im ungünstigsten Fall riskiert er eine Strafe wegen Übertreten des Halteverbots. Der Pilot (auch der kleinsten Sportmaschine) ist durch die Geschwindigkeit, spätestens durch den Brennstoffvorrat, zur raschen Entscheidung gezwungen.

Das hebt ihn über den Taxifahrer hinaus; deshalb spielt er im nächsten Kapitel, das sich mit einem der letzten Abenteuer des modernen Menschen beschäftigt, die Hauptrolle.

In der nächsten Ausgabe: Flugkapitän, ein Beruf auf ein halbes Jahr – Der unsichtbare Kampf im Cockpit