Von Tadeusz Nowakowski

Sensation und Skandal als die erprobten Transportmittel des Erfolges – das ist weder neu noch besonders originell. Es braucht nicht gleich eine Ohrfeige auf Bundesebene oder der Dichterabend einer sparsam gekleideten Dame zu sein. Manchmal genügt ein politischer Ausflug nach Kuba, ein unvernünftiges Verbot seitens der Zensur oder ein polemischer Zweikampf. Aber das Prinzip – lautstarker Erfolg als Maßstab aller menschlichen Bemühungen und Aspirationen, Anbetung der Schlagzeile – scheint in unserer Zeit auf viel schwächeren Widerstand der in dieser Hinsicht bereits abgestumpften Gesellschaft zu stoßen als je zuvor. Nicht nur bildschöne Filmstars, Fußballidole und verführerisch von den Wahlplakaten lächelnde Politiker, sondern auch manche Schriftsteller und Wissenschaftler atmen diesen Bazillus mit sichtbarer Freude ein.

Kürzlich fielen mir einige Beiträge zur Zeitgeschichte auf, die in der Tat mehr im Zeichen der bunten vita activa als der strengen vita contemplativa standen und mir meine sowieso nicht besonders große Freude an der Zeitgeschichte gänzlich verdarben. Freilich, auch Historiker sind Kinder ihrer Zeit, auch sie sind den Versuchungen der lautstarken Aktivität ausgesetzt. Daß die Öffentlichkeit kein Hoheslied auf die Historie als exakte Wissenschaft singt, ist verständlich. Daß die Erforschung der jüngst vergangenen Zeit manchmal etwas außerhalb der Wissenschaft geschieht, ist bekannt, denn ohne Distanz, Perspektive, emotionelle Entfernung und Bewältigung, Neutralisierung der Interessen und Ressentiments sind bekanntlich auch die edelsten Objektivierungsversuche auf diesem Gebiet stark behindert. Die Grenze zwischen den bereits zur Historie gewordenen Ereignissen und der Tagespolitik ist unscharf. Kein Wunder daher, daß uns mancher Zeitgeschichtler wie ein verhinderter Politiker vorkommt.

Ärger mit der Zeitgeschichte, genauer: mit den Zeitgeschichtlern hat es immer gegeben. Man kennt die Tücken: Begabte Chronisten und gelernte Historiker sind nicht unweigerlich identisch, nicht alle Dokumente sind da, nicht alle sind echt, vor den sogenannten Zeugen der Geschichte wird gewarnt. Da sich die Menschen im allgemeinen nicht daran erinnern, was sie gesehen, gehört oder gelesen haben, sondern woran sie sich erinnern wollen, kann mancher Mythos entstehen. Abgesehen davon, daß es in fast jedem Land der Erde auch bewußte Geschichtsklitterungen gibt. Der Satiriker Lee meinte, die Geschichte lehre nur eins: wie man sie fälscht. Und Nietzsche schrieb: "Die Lüge und nicht die Wahrheit ist göttlich – denn diese Welt, in der wir leben, ist ein Irrtum."

Irrtum hin, Irrtum her: Wie jener Engländer aus dem achtzehnten Jahrhundert, der nichts gegen die Lüge als solche hatte, den aber die Ungenauigkeiten unglücklich machten, empfinde auch ich manchmal ein kleines Unbehagen an den Arbeitsmethoden der Zeitgeschichtler.

Mir gefallen zum Beispiel jene Historiker nicht, die unbedingt "enthüllen" möchten. Daß die Zeitgeschichte viele Geheimnisse und Rätsel birgt, ist klar. Dennoch glaube ich nicht, daß die Prozedur der Wahrheitsfindung unbedingt an die fragwürdige Fernsehserie "Aktenzeichen XY ungelöst" erinnern sollte.

Gerade lese ich in der Presse, daß uns allen schon morgen oder übermorgen einige wichtige Enthüllungen bevorstehen. Ein junger Historiker, den die Zeitung als "erfolgreichen Weltkrieg-II-Forscher" vorstellt und der seinerzeit einem Bühnenautor "sensationelles Material" für ein Erfolgsstück geliefert hat, macht wieder von sich reden. Er forscht unermüdlich, um endlich die klaffende Geschichtslücke über die Leiden des Führers zu füllen. Die Columbusse mit ihrem Spürsinn fürs noch nicht Demaskierte scheuen bekanntlich keine Mühe, um Geschichtslücken – mögen sie so peinlich sein wie das Geheimnis um Hitlers Krankheit – aus der Welt zu schaffen. Die Behandlungsunterlagen des Geschlechtskrankheiten-Spezialisten und Geheimdokumente aus privater Hand sind schon da. Ein ehemaliger US-Major, der jetzt in Maryland lebt, hat sich ihrer nach dem Kriegsende bemächtigt. Zum Glück, möchte man sagen, denn ohne dieses kostbare Material wüßten wir alle vom "größten Feldherrn aller Zeiten" so gut wie nichts.