Um andere, nicht weniger sensationelle Geheimnisse der Zeitgeschichte endlich zu enthüllen, will der unermüdliche Historiker seine Kenntnisse mittels zweier geheimnisvoller Kisten ergänzen, die im DDR-Boden vergraben liegen. Mitte Juni, so hofft der Forscher, kann der Schatz, von dem bereits eine Lageskizze vorhanden ist, gehoben werden. "Wenn er nicht schon verfallen ist", schreibt mit verständlicher Besorgnis die Presse. Wem gehört die geheimnisvolle Büchse der Pandora, die im Erdreich der DDR seit Jahren auf den Zeitgeschichtler wartet? Ein ehemaliger Generalfeldmarschall in eigner Person hat unserem Sherlock Holmes das Versteck anvertraut. Weil der ehemalige, Göring-Stellvertreter zu dem jungen Historiker, der übrigens Engländer ist, Vertrauen hat, kann man außerdem hoffen, daß einige Tagebücher, die zwanzig Jahre im Safe einer Düsseldorfer Bank lagen, endlich freigegeben werden ...

Das Banksafe spielt bekanntlich keine geringe Rolle in der Geschichtsforschung und klingt besser als "vergrabene Kiste" (die noch an Stevenson und seine Schatzinsel erinnert). Im Panzerschrank einer Schweizer Bank soll sich nämlich auch jenes Geheimdokument des britischen Secret Service befinden (fünfzig Jahre lang darf kein Mensch es sehen), das Rolf Hochhuth, den Autor des Theaterstückes "Soldaten", beflügelte, Winston Churchill wegen Mordes an seinem Freund, dem polnischen General Sikorski, in aller Öffentlichkeit anzuzeigen. "Leidenschaftliche Kontroverse über die geschichtliche Wahrheit" nennt man das in der Presse. Die "Zeugen der Geschichte" werden schlicht als "Informanten" bezeichnet, der Terminus "Dokumentation" mit dem Wort "Recherchen" umschrieben. Wer der unbekannte Kronzeuge beziehungsweise "Informant" in schwarzer Maske ist, werden wir wohl nicht so rasch erfahren, denn die Sache ist recht kompliziert: "Der römische Priester, der unmittelbar nach dem Kriege einen Verwandten Sikorskis – auch der britische Historiker David Irving kennt den Namen dieses Priesters und wird ihn ebensowenig jemals preisgeben wie ich – wissen ließ, er habe in der Beichte erfahren, daß Sikorski nicht abgestürzt sei, sondern ermordet wurde: dieser Priester verriet auch den Namen seines Beichtkindes nicht, sondern nur dessen Tat." Diesen Satz finden wir in einer Presseerklärung von Rolf Hochhuth unter dem stolzen Untertitel: "Ein Schuft, wer einen Informanten preisgibt."

Nun ja, Banksafe, vergrabene Kiste genügen nicht. Ein neues Requisit muß her: der Beichtstuhl.

Altmodische Historiker, Kleinigkeitskrämer alter Schule meinen, Behauptungen ohne überzeugende Beweisführung seien unzulässig, mehr noch: sie seien strafbar; sie begreifen wohl nicht, daß sich hier ein neuer, origineller Stil offenbart: die These ist wichtig, nicht das Argument.

Aber wie es Sonntagsmaler gibt, gibt es auch Sonntags-Zeitgeschichtler, die die Exkurse in die jüngste Vergangenheit als Hobby betrachten. Kaum fanden Irving und Hochhuth im Jagdrevier der Zeitgeschichte sogenannten "Explosivstoff" – wehe dem, der heute nicht schockiert! – erschien auf dem Büchermarkt ein neuer Schlager der Woche, ein neuer Beitrag zur Erforschung des Falles Churchill–Sikorski. Genauer gesagt: ein Versuch, die bisherigen Enthüllungen der anderen – nämlich: der Konkurrenz – gnadenlos zu entlarven. Der Filmschauspieler und historische Schriftsteller in einer Person, Carlos Thompson, beschloß mit argentinischem Temperament, seine Wahrheitsliebe in den Dienst der geschichtlichen Forschung zu stellen. 45 000 Dollar, hören wir, hat er für seine Forschungsreisen drangegeben, wichtiges historisches Material wird demzufolge endlich Licht in unsere düstere Welt bringen. Thompson, wir danken Ihnen: Die Zeitgeschichte braucht Idealisten!

Auch der australische Historiker Peter Phillips veröffentlicht, wie sein Londoner Verleger mitteilt, ein Anti-Hochhuth-Buch, und zwar als leidenschaftlichen Protest gegen jenen Herostraten, der die katholische Kirche "mit Dreck beworfen hat".

Ob die Weltgeschichte wirklich ein Weltgericht ist, wissen wir nicht. Eins aber ist sicher: Manchmal müssen ganz profane Gerichte darüber entscheiden, wer wen beleidigt hat. Vor einem Gericht in Oslo fand kürzlich ein zweiter Quisling-Prozeß statt. Der englische Zeitgeschichtler Ralph Hewin verklagte nämlich den norwegischen Zeitgeschichtler Jacobsen. Der Osloer soll sich an der norwegischen Ausgabe seines Buches "Quisling – ein Prophet ohne Ehre" vergangen haben. Die Ergänzungen des Zeitgeschichtlers Jacobsen hätten angeblich das wissenschaftliche Gewissen des Engländers aufs tiefste verletzt. Das Interessanteste dabei: der belesene Rechtsanwalt soll seinen Mandanten mit dem Argument verteidigt haben, schon Voltaire sei dahintergekommen, daß es überhaupt keine Geschichte gebe, sie existiere lediglich in der menschlichen Phantasie als Summe der abstrakten Begriffe. Infolgedessen scheine eine mehr oder weniger genaue Rekonstruierung der endgültig verflossenen Vergangenheit weder sinnvoll noch fruchtbar.