Von Ludvik Vesely

In diesem Augenblick wissen wir nicht, ob die Worte, die wir schreiben, nicht die letzten sind, für lange Zeit, vielleicht sogar für immer. Bitte, hören Sie diese Worte! Unser Land, das im Sozialismus und im Frieden leben wollte, wurde durch eine Macht vergewaltigt, gegen die wir keine anderen als geistige Waffen besitzen... Wenn wir nicht wieder mit Ihnen zusammenkommen sollten, wünschen wir Ihnen, daß Sie sich lieben, daß Sie nicht zulassen, daß das Gute durch Gewalt unterdruckt wird, und daß Sie immer weiter die Wahrheit suchen werden.

So haben wir, die Redaktion der damaligen Literarní Listy, uns am zweiten Tag der Okkupation, dem 22. August 1968, in der ersten Untergrundnummer unserer Zeitung von den Lesern verabschiedet. Noch weitere fünf Nummern erschienen.

Als die Vertreter der Kommunistischen Partei und der tschechoslowakischen Regierung am 28. August aus Moskau zurückkamen, verabschiedete sich die Redaktion ein zweites Mal, und dieses Mal freiwillig, von ihrem Publikum. In dem Bewußtsein, daß Vertreter der KPČ und des Staates "... ohne einen Kontakt zu ihren Völkern und unter massivem Druck gehandelt haben", kam sie zu der Überzeugung, daß "... uns die aufgezwungenen Vereinbarengen zu nichts verpflichten". So beschloß die Redaktion der Literarní Listy, "... ihre Zeitung erst dann wieder erscheinen zu lassen, wenn sie weiterhin in Übereinstimmung mit ihrem Gewissen arbeiten kann ... Wir lassen uns nie wieder auf eine ,realistische‘ Politik der gefilterten Wahrheiten ein..."

Die Wochenzeitung des tschechoslowakischen Schriftstellerverbandes war damit tot. Aber als sich eine kleine, bezweifelte Hoffnung zu zeigen schien, daß man vielleicht auch in der neuen Situation arbeiten könne, gab die kaum veränderte Redaktion die Listy doch wieder heraus.

Die engagierten Schriftsteller sind keine Freunde von leeren Gesten und schrieben auch unter den erschwerten Verhältnissen der Okkupation im vollen Bewußtsein ihrer gesellschaftlichen Aufgabe weiter. Gemeinsam mit der tschechoslowakischen Presse versuchten sie, den Willen der Tschechen und Slowaken zu unterstützen, in einem Zeitalter der Vernunft und in Freiheit zu leben.

Aus der zunächst zugesagten "vorübergehenden Zensur" ist in den letzten Wochen aber wieder eine reglementierte Presse und eine – Manipulation der öffentlichen Meinung geworden. In diese Atmosphäre der erzwungenen Einstimmigkeit paßten die frei denkenden, toleranten Schriftsteller und Publizisten nicht. Und so wurde, mit anderen Zeitungen, auch Listy endgültig verboten.