Unser Kritiker sah:

DER GUTE MENSCH VON SEZUAN

Parabelstück von Bertolt Brecht

Ruhrfestspielhaus in Recklinghausen

Wenn man den Theatersaal betritt, fällt der Blick auf einen Autofriedhof – der Orchesterdeckel als Schutthalde. Dahinter eine abgewandelte "Brecht-Gardine", auf der Worte von Jesus, Mohammed und Buddha geschrieben stehen. Hebt sich der halbhohe Vorhang, dann sieht man in das Bühnenhaus bis hinauf zu den Arbeitsgalerien. Das Gestänge mag eine Zementfabrik vorstellen, von der mehrmals die Rede ist. In Funktion tritt diese Dekoration jedoch nie. Im Mittelgrund der Bühne: winzige, windige Hausattrappen, an denen der Wasserverkäufer Wang Nachtquartier für drei Götter sucht. Im übrigen Telephonmasten und -drähte, aufgehängte Wäsche, aber kein "Stadtpark". An Stelle einer Weide muß der stellungslose Flieger eine Straßenlaterne für seinen Selbstmordversuch benutzen. Das Ganze: Vorstadt irgendwo in der Welt. Da nicht mehr vom Silberdollar, sondern nur von Dollars gesprochen wird, vielleicht in Amerika, und das soll wohl heißen: auch in Westdeutschland.

So sieht die Befreiung Brechts von jeglicher Chinoiserie aus, die sich Harry Buckwitz, Regisseur der zweiten Ruhrfestspiel-Eigeninszenierung, zum Ziel gesetzt hatte. Als Spielfläche benötigte er nur eine Art Puppenstube, die mit wechselndem Mobiliar zwischen den hinderlichen Fabrikpfeilern vor- und zurückgefahren wurde. Das beste, was dem Bühnenbildner Karl-Ernst Herrmann dabei einfiel, war die Eingitterung der Tabakfabrik in der achten Szene – ein Käfig, in dem Menschen geschunden werden.

Gespielt wird hervorragend. Gisela Stein gibt die Shen Te unsentimental, doch so anrührend in ihrem Bestreben, mit geschenktem Gelde Gutes zu tun, daß die Enttäuschung ihrer Liebe zu dem Flieger Sun desto erschütternder wirkt. Horst Tappert überaus schlicht als Wasserverkäufer, Lothar Blumhagen, der perfide Flieger, ein kitschiger Gangster, Annemarie Saul seine Mutter, Hanna Burgwitz die spitznasige Witwe Shin. Franz Kutschera als reicher Barbier sei stellvertretend für alle Chargen hervorgehoben, die von Buckwitzens Personenregie individuell profiliert worden waren.