Von Hellmuth Karasek

Man ist am unehrlichsten gegen seinen Gott: er darf nicht sündigen! Nietzsche

In der Auseinandersetzung der DDR-Propaganda mit der Wirklichkeit der Bundesrepublik waren zwei stets wiederkehrende Behauptungen irritierend, weil sie sich unrettbar widersprachen. Die eine ständig wiederholte Behauptung sammelte westdeutsche Indizien für eine Verelendungstheorie, führte Belege dafür an, wie denn nun was wieder bergab gegangen sei, wie sich die Lage verschlechtert habe und nun bald, an einem Punkt der Unausweichlichkeit angelangt sei.

Die andere Behauptung, mehr ins Innere gerichtet, kündete von Jahr zu Jahr, in welchem Punkt man Westdeutschland jetzt auch erreicht habe, oder gab das Versprechen ab, daß die Bundesrepublik in ihrer Butterproduktion, in ihrem Autoverschleiß, in ihren Pro-Kopf-Ausgaben für Ferien bald von der DDR eingeholt würde.

Nimmt man diese Behauptungen beim Wort, dann schließen sie einander aus. Entweder bedeutet die Sehnsucht, das Vorbild zu erreichen: ihm in das immer ausweglosere Elend folgen zu wollen. Oder aber es besagt der Wunsch, das gleiche Quantum an Butter oder Käse konsumieren zu wollen: daß es mit dem Elend auf allen Gebieten in Westdeutschland nicht so schlimm stehen könne, da man sich doch noch bemühe, es dem armen und ausweglos elenden Nachbarn gleichzutun.

Um nicht mißdeutet zu werden: mir geht es nicht etwa darum, mit selbstgefälliger Freude etwas von "ärmeren Brüdern und Schwestern" zur Rechtfertigung unserer Verhältnisse anzuführen. Ja nicht einmal darum, auf das befremdliche Phänomen hinzuweisen, daß die sozialistische Praxis oft dazu neigt, das, was sie als dem Erzfeind zugehörig verketzern muß, in vielem kopieren, einholen zu wollen. Es soll hier auch nicht behauptet werden, daß solche Äußerungen über Lebensstandard-Vergleiche irgendein wichtiges Indiz wären. Aber es handelt sich um Propaganda-Äußerungen. Und die haben, nicht, wahr, etwas mit den Wünschen der Menschen zu tun, an die sich die Propaganda wie die Werbung richtet.

Und hier sind wir bei Peter Schneider. Bei seinem Aufsatz "Die Phantasie im Spätkapitalismus und die Kulturrevolution" im jüngsten Kursbuch. Schneider geht es unter anderem darum, die Freudsche Wunschtheorie in ihren progressiven Zügen blankzulegen, sie von ihren pessimistischen, spätbürgerlichen Verhaftungen zu lösen, um sie im Kampf für die Kulturrevolution nutzbar machen zu können.