Als Oase der Forschung galten die Max-Planck-Institute schon immer. Für Hochschullehrer die sich nach Humboldts "Einsamkeit und Freiheit" sehnen, wurden die Max-Planck-Institute in den letzten Jahren aber auch erstrebenswert als Stätten des Friedens, denn sie schienen immun zu sein gegen die Unruhe an den Universitäten.

Um so mehr Aufmerksamkeit erregte deshalb in der vergangenen Woche eine Zeitungsnotiz, in der mitgeteilt wurde, daß zwanzig wissenschaftliche Mitarbeiter des Heidelberger Max-Planck-Institutes für medizinische Forschung scharfe Kritik an ihrem Präsidenten Butenandt geübt hätten. In einem offenen Brief hatten sie sich, so hieß es, gegen die Erklärung über die "Gefahr für die Forschung in den Universitäten" gewandt, die Butenandt zwei Wochen zuvor gemeinsam mit den Präsidenten der Rektorenkonferenz und der Deutschen Forschungsgemeinschaft unterzeichnet hatte.

In dem Brief wurde, der Zeitungsmeldung zufolge, der Vorwurf erhoben, eine Analyse der Universitätskrise sei von den drei Präsidenten vermieden worden; eine Lähmung der Forschung drohe nicht erst jetzt, sondern sei der Grund dafür, daß seit Jahren Tausende von jungen Wissenschaftlern abwanderten. Man gebe ihnen in unserem Universitätssystem und in vielen Max-Planck-Instituten keine Möglichkeit zu verantwortlicher Arbeit.

Nach der gewohnten Ruhe in den Instituten der Max-Planck-Gesellschaft hörte sich allein schon der Ausdruck "offener Brief" kühn an. Was die Wissenschaftler umgetrieben und aufgestachelt hatte, sollte ein Telephonanruf klären. Doch das Unternehmen erwies sich als unerwartet schwierig.

"Was? Der offene Brief", rief die Telephonistin. "Also, das weiß ja niemand, wer den unterschrieben hat, obwohl wir schon geforscht haben. Aber die sind bange. Dabei haben die sich wirklich nicht zu beschweren. Alles bestens hier."

Nach dieser beruhigenden Auskunft kam ein Doktor in die Leitung. Die Verfasser des Briefes waren ihm zwar unbekannt, aber mit dem Inhalt des Briefes hatte er sich befaßt: "Das ist eine ganz große Schweinerei und Unverschämtheit. Die haben geschrieben ‚sehr geehrter Herr Butenandt‘, als wäre der Präsident einer von ihnen. Dabei sind das nur Studenten. Wir haben 223 Wissenschaftler im Institut, davon haben zwanzig den Brief geschrieben. Das sind neun Prozent und vor allem Studenten, die sich wichtig tun. Wenn ein Mann vom internationalen Rang eines Butenandt sagt, daß Gefahr im Verzuge ist, dann hat er recht. Und wenn Sie das als unsere Meinung schreiben: ‚Die Studenten haben sich eine Unverschämtheit großen Stils geleistet‘ – dann sind wir damit einverstanden."

Nachtrag: Die zwanzig Angehörigen des Institutes hatten den Brief an Butenandt namentlich unterzeichnet. Die Briefschreiber waren Diplomanden, Doktoranden, technische Angestellte, ausländische Gäste, Studenten und zwei Assistenten, die nach langen Diskussionen die Aktion starteten, um überhaupt etwas zu unternehmen.