Von Toni Kienlechner

Hier in der Stadt soll es keine Schlangen geben ... aber wenn du neben deinen Füßen etwas kriechen hörst, so weiche rasch aus, wenn du nicht gebissen werden willst... Es wäre vorsichtig, immer Stiefel aus Juchtenleder zu tragen und in der Hand einen Stock aus Eschenholz ..." Das Buch des zweiunddreißigjähren

Luigi Malerba: "Die Schlange", aus dem Italienischen von Alice Vollenweider; edition suhrkamp 312, Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 206 S., 3,– DM

ist mit solchen Beschwörungen durchschossen. Nach jedem Kapitel seines "Romans" gibt es ein kleines philosophisch-lyrisches Entremes. Natürlich handelt es sich nicht um einen wirklichen Roman – das würde heute niemand mehr von einem modernen Autor zu verlangen wagen. Aber es gibt immerhin Personen und Handlung. Es gibt den Erzähler, der als Briefmarkenhändler in Rom lebt, das Mädchen Miriam, das er in einem Gesangverein kennenlernt und zu seiner Geliebten macht.

Die Ehefrau, von der anfangs berichtet wird, gibt es nicht. Der Erzähler gibt zu, er habe die Geschichte seiner langweiligen Ehe erfunden.

Nun wird der Leser unsicher: Gibt es den Freund und Rivalen Baldassaroni wirklich? Oder ist er eine Ausgeburt der Eifersucht? Gibt es Miriam wirklich? Oder wird sie erst, nachdem die Ungetreue verschwunden ist, zum Alp- und Lusttraum?

Es hat wenig Sinn, die Geschichte zu erzählen, von der der Autor selber eiligst fortstrebt in höhere Sphären und tiefste Abgründe. Große Sprünge, weiß Gott, von den spröden Kindheitserinnerungen zu Beginn des Romans über den Gesangverein, mit der lyrischen Befreiung des Ich und Eroberung des Du, zu den "Arsamandi"-Kompositionen mit Miriam auf dem Kanapee in der Hinterkammer des Briefmarkenladens.