Von Heinz Michaels

Die Pressemitteilungen aus der deutschen Automobilindustrie klingen in diesem Jahr wie Siegesfanfaren: Jeder Monat bringt neue Rekorde. April 1969: 305 597 Autos produziert, 19 Prozent mehr als im Vorjahr und sogar 52 Prozent mehr als im Rezessionsjahr 1967.

Schon Anfang des Monats hatte das IFO-Institut für Wirtschaftsforschung einen "neuen Höchststand in der deutschen Automobilindustrie" prophezeit und angenommen, daß die Neuzulassungen von Automobilen um etwa 15 Prozent über denen des Vorjahres liegen werden.

Das soeben veröffentlichte Ergebnis der ersten vier Monate vermeldet gegenüber dem gleichen Vorjahrszeitraum eine Steigerung um 29,4 Prozent.

Die Kaufwut bundesdeutscher Autofahrer trieb nun allerdings die Händler der Kölner Ford-Werke von einer Verzweiflung in die andere. "Nicht einmal eine lausige Limousine kann ich vom Hof weg verkaufen, weil ich keine mehr habe", klagte einer von ihnen. Kein Typ ohne Lieferfristen.

Mußten die Ford-Händler in den letzten Jahren zusehen, wie immer mehr Kunden zu anderen Marken abwanderten, während ihre Lager größer und größer wurden, so können sie sich heute vor Aufträgen kaum retten. "Das Wort Capri kann ich schon nicht mehr hören", jammert der Händler und belegt die Manager im Ford-Hochhaus von Köln-Deutz mit wenig schmeichelhaften Beinamen. "Die hätten doch damit rechnen müssen, daß wir so einen guten Autofrühling bekommen und daß der Capri so ein Schlager wird."

"Das Geschäft übertrifft alle Prognosen", muß auch Ford-Sprecher Wilhelm von der Dellen zugeben. Als der Capri – ein sportliches Coupé mit dem Innenraum einer Limousine – im Januar vorgestellt wurde, glaubte der Ford-Vorstand mit einer geplanten Produktion von 400 Stück am Tag schon ziemlich hoch gegriffen zu haben. Heute laufen in Köln-Niel täglich 550 Capri vom Band – und die Lieferzeiten betragen bis zu sechs Monate. Im Herbst soll die Tagesproduktion auf 650 Stück erhöht werden.