Von Gustav Adolf Henning

So unmißverständlich wie die Pistole an der Kasse des Bankschalters ist das Gehörn des Stieres: Es ist eine Waffe. Stierkämpfer fürchten diese Hörner und setzten dem Erfinder des Penicillins vor der Arena in Madrid ein Denkmal, weil die Anwendung dieser Droge die Lebenserwartung verletzter Matadore erheblich erhöht hat.

Eindeutig als Waffe dient auch dem Nashorn sein Nasenhorn, wenngleich die Feinde, gegen die es sich mit dem Horn einst hat rüsten müssen, inzwischen wohl ausgestorben sind. Tiere, die dem Nashorn heute noch gefährlich werden könnten, schrecken zumeist schon vor seiner urtümlichen, respektheischenden Gestalt zurück.

Mysteriös indes ist die Kopfzierde der Hirsche: das Geweih. Mit diesem Problem befaßt sich der amerikanische Pharmakologe der Cornell Universität und nebenberufliche Stirnwaffenkundler Professor Walter Modell im April-Heft der Zeitschrift "Scientific American".

Als Instrument zur Verteidigung ist das Hirschgeweih von sehr begrenztem Wert. Nur einige Wochen im Jahr, im Herbst und Winter, kann der Hirsch diese Waffe einsetzen. Der Rothirsch verliert sein Geweih im Februar. In der Zeit bis zum August, während ihm ein neues wächst, ist es von samtiger, schmerzempfindlicher Haut, dem Bast, umgeben und nicht parat. Selbst in der Zeit, in der die Jungen zur Welt kommen, Anfang Juni, muß der Hirsch sein sprießendes Geweih noch in acht nehmen und kann sich auch nur wie die weiblichen Hirsche mit den Vorderläufen wehren. Beim Rothirsch leben die Männchen, da sie ohnehin zur Familienverteidigung untauglich sind, in der längsten Zeit des Jahres vom Weibchenrudel getrennt.

Für das Geweih bleibt als einzige erkennbare Funktion somit der Einsatz im herbstlichen Rivalenkampf. Doch auch dabei ist das Geweih eine – wie Modell schreibt – "linkische" Waffe. Nicht selten verfangen sich die kämpfenden Männchen mit den Stangen und verenden, womit die Population gleich die Gene zwei ihrer besten Hirsche verliert. Oder es beschlagen jüngere Hirsche die Weibchen, während die Rivalen in ihren Kampf vertieft sind. Überlegen ist ohnehin bei der Auseinandersetzung um den Harem ein anormales Geweih ohne Verzweigung, das also nur aus zwei spitzen Stangen besteht. Jäger sprechen dann vom "Mörderhirsch". Von amerikanischen Hirscharten berichtet Modell, daß zuweilen ein Männchen den Harem gewinnt, das gar kein Geweih besitzt.

Wenn nun die Hirsche der Gegenwart ihren Kopfschmuck im Rivalenkampf verwenden, so muß diese Funktion nicht unbedingt auch die ursprüngliche gewesen sein. In seiner stammesgeschichtlichen Entwicklung kann das Geweih anfangs einen ganz anderen Zweck gehabt haben und, nachdem es im Laufe der Evolution ausgebildet war, zweckentfremdet worden sein, eben zum Kampf der Männchen untereinander. Welches aber war dieser Ur-Sinn der aus dem Hirschkopf Jahr für Jahr neu hervorwachsenden Knochen?