In der Bundesrepublik ist ein neues Spekulationspapier aufgetaucht: die Aktie des Luftverkehrsunternehmens Atlantis AG, Stuttgart. Außerbörslich wurden zeitweise Kurse von 78 Mark je Aktie (Nennwert 50 Mark) genannt, obwohl das Papier zur Zeit zum Kurs von 65 Mark zur Zeichnung angeboten wird. Der Aufschlag von mehr als 10 Mark drückt die Erwartung aus, daß die Zeichnungswünsche nicht voll befriedigt werden können und der Atlantis-Kurs rasch über den Zeichnungspreis hinaus klettern wird. Eine Erscheinung, die wir bei neuen Aktien in der jüngeren Vergangenheit häufig, erlebten. Es hat allerdings auch Fälle gegeben, da waren die anfangs so begehrten Papiere später nur noch unter Verlusten abzusetzen. Deshalb sollte man bei neuen Emissionen immer sehr genau überlegen, auf was man sich mit ihnen einläßt.

Die Hauptversammlung des Luftverkehrsunternehmens Atlantis hat beschlossen, das Aktienkapital von 1,5 auf 12 Millionen Mark durch Ausgabe von Namensaktien zu erhöhen. Das neue Kapital soll der Restfinanzierung des Kaufs zweier Douglas DC-8/32, die bei der Gesellschaft bereits im Einsatz sind (von der in Schwierigkeiten geratenen "Südflug GmbH" übernommen), und zum Kauf einer Douglas DC-8/63 dienen.

Die Flugzeuge der Atlantis werden im Gruppen- und Pauschalreiseverkehr eingesetzt. An die Tarife der IATA-Liniengesellschaften ist Atlantis nicht gebunden. In der Zeichnungsaufforderung wird behauptet, daß die Gesellschaft über kontraktierte Aufträge von 26 Millionen Mark verfügt.

Sie werden von mir nicht verlangen, meine verehrten Leser, daß ich Ihnen etwas über die Wirtschaftlichkeitsrechnung eines privaten Luftverkehrsunternehmens erzähle. Ich habe mich in den letzten Tagen mit mehreren Leuten unterhalten, die sich Experten nennen dürfen. Eine einheitliche Meinung haben sie nicht geäußert. Für mich bleibt entscheidend, daß bisher kein privates Luftverkehrsunternehmen in der Bundesrepublik "goldene Berge" verdient hat, mehrere aber in Schwierigkeiten geraten waren So auch die schon erwähnte "Südflug", in der die jetzigen Vorstandsmitglieder der Atlantis, Tilman J. Uhlig und Werner Will, eine Rolle gespielt haben.

Vielleicht ist das auch der Grund, warum in der Zeichnungsaufforderung so wenig über das Atlantis-Management zu erfahren ist. Wenn ich mich schon an einem Unternehmen mit erheblichen Risiken beteilige, möchte, ich doch wissen, welchen Männern ich mein Geld anvertraue. Den Vorstand führt Rechtsanwalt Dr. Lutz, Stuttgart, von dem behauptet wird, daß er Experte auf dem Gebiet Luftfahrt- und Wettbewerbsrecht sei. Über die Besetzung des Aufsichtsrats schweigt sich der Prospekt völlig aus: "Neben weiteren versierten Geschäftsleuten aus der Luftfahrt und Touristik befindet sich außerdem ein Bankier im Aufsichtsrat der Gesellschaft." Inzwischen ist bekanntgeworden, daß dieser Bankier der persönlich haftende Gesellschafter des Bankhauses Möhle & Co, Hamburg, Ernst Schacht, ist. Mühle hat jetzt sein Kapital von 2,5 auf 6 Millionen Mark erhöht.

Das Bankhaus Möhle übernahm auch die jungen Aktien aus der Kapitalerhöhung und hat nach eigenen Angaben bereits für 3 Millionen Mark fest placiert. Obwohl einige Banken sich sehr reserviert zeigen, wenn Kunden bei ihnen Atlantis-Aktien zeichnen wollen, besteht wohl kaum Zweifel, daß das Bankhaus Möhle die Papiere voll im Publikum unterbringen wird. Und das trotz einiger Besonderheiten, die den späteren Handel der Atlantis-Aktien erschweren werden.

Zunächst einmal handelt es sich – wie schon eingangs erklärt – um Namensaktien. Das macht einen späteren Besitzwechsel kompliziert, weil jedesmal eine Umtragung im Aktienbuch der Gesellschaft vorgenommen werden muß. Da die Satzung bislang nicht vollständig veröffentlicht worden ist, sind nur in Umrissen die Bedingungen bekannt, unter denen sich ein Besitzwechsel vollziehen darf. So ist die Ausgabe der Aktien nur an deutsche Staatsangehörige möglich, weil – so steht es im Zeichnungsprospekt – nach Paragraph 3 Luftverkehrsgesetz die Mehrheit des Kapitals von deutschen Staatsangehörigen gehalten werden muß. Die Satzung schränkt aber noch weiter ein: Nur 10 Prozent des Aktienkapitals dürfen in einer Hand vereinigt sein. Damit wird deutlich, daß die heutigen Besitzer verhindern wollen, durch kapitalkräftige Aktionäre eines Tages aus der Gesellschaft hinausgedrängt zu werden. Das ist von ihrem Standpunkt aus verständlich; wer jedoch Kapital anzulegen hat, wird diese Satzungsbestimmung als Einengung seiner Chancen empfinden.