Das Vokabular des Sportes, einer zivilen Angelegenheit, gibt sich nicht selten militant. Schlachtrufe heißt der organisierte Anfeuerungslärm, dem Sätze, Wörter oder auch nur Laute zugrunde liegen. Manchmal sind es sogar Urlaute (gar nicht orphisch), die durch eine besondere Akustik der Arena, wie beim berühmten Hampden-roar in Glasgow, zum demoralisierenden Kampfmittel werden sollen. Urlaute sind auch das enttäuschte Aufstöhnen der Tausende nach einer verpaßten Chance der eigenen Partei oder das dröhnende Torgebrüll, das kilometerweit zu hören ist, nicht zu vergessen der vielstimmige Empörungsschrei nach einem Foul des Gegners.

Ein kundiger Beobachter kann sogar außerhalb eines Stadions an der akustischen Dramaturgie den Verlauf eines Fußballspieles in etwa verfolgen. Schlachtrufe, die von Sprechchören bewußt in den Kampf geworfen werden, sind aber diese aus den Tiefen des Emotionalen herausbrechenden Laute nicht, da sie die Dramatik des Geschehens nur reflektieren. Mit dem Schlachtruf versuchen die Zuschauer selbst den Ablauf des Kampfes zu beeinflussen und zu dem gewünschten Ausgang, dem Sieg, zu bringen.

Einen geradezu furchterregenden Schlachtruf wikingerhafter Vehemenz praktizieren schon seit Jahrzehnten die Schweden. Wer nie das He–i, He–i, Heija, von fanatischen Einpeitschern dirigiert und mehreren vieltausendköpfigen Formationen abwechselnd im Takt hinausgebrüllt, im Stockholmer Stadion erlebt hat, weiß nicht, was Schlachtrufe sind und was sie vermögen.

Bei der letzten Fußball-Weltmeisterschaft 1966 gellte das skandierende Eng-land, Eng-land den ausländischen Besuchern in die Ohren. Die Mexikaner hatten es mit ihrem dreifach betonten Me-chi-ko, Me-chi-ko nachgeahmt. Jetzt in Essen hörte man erstmals Deutsch-land, Deutschland. Bei der Olympiade 1928, der ersten für uns nach dem Ersten Weltkrieg, rief man noch ziemlich zaghaft und etwas albern Ra-Ra-Ra – Germania in Anlehnung an das Ray-Ray-Ray – USA, das die amerikanischen Schlachtenbummler schon 1912 vorführten.

"Uwe – Uwe" war zeitweise nicht nur zur Beflügelung der Schußlaune des HSV-Spielers im Schwange, sondern wurde sogar zum nationalen Kampfgeschrei hochstilisiert. "Deutschland vor – noch ein Tor" mag nicht nur für manchen von der Hybris eines antiquierten Nationalismus angehaucht sein, es ist auch bei der heutigen Defensivtaktik im Fußball oft gar nicht anwendbar, dann eben, wenn man wie kürzlich in Nürnberg gegen Österreich 88 Minuten auf das erste Tor warten muß.

An ungeschlachte Landsknechtzeiten gemahnt das Schweizer "Hopp Schwyz – Hopp Schwyz". Die Romanen haben es da mit ihrer vokalreichen Sprache leichter. Italia – Italia klingt aggressiv, doch elegant zugleich ins Ohr.

Die Sowjetrussen sind bisher ohne typischen Schlachtruf ausgekommen, was aber auch damit zusammenhängt, daß die Kontingente ihrer "Fans" im Ausland sehr klein gehalten werden müssen, falls sie überhaupt vorhanden sind. Aber auch 1936 in Berlin besaßen die Deutschen unter einem autoritären Regime keinen speziellen Schlachtruf. Das Propagandaministerium hatte ihn offenbar vergessen. Dafür ließ sich der Berliner Volkswitz vernehmen: "Lieber Gerhard Stock – wirf doch den Speer noch weiter weg". Ein wenig bösartig klingt schon das He-Ha-Ho – Bayern ist k.o., das kürzlich wieder einmal in Nürnberg ertönte.

In der Fernsehära tauchten Transparente in den Stadien auf, wie "Kleinkleckersdorf grüßt Glasgow". Mit Anfeuerung haben solche Aufschriften natürlich nichts mehr zu tun, eher noch der platte, unausrottbare Reim "Glaubt nicht an Spuk und böse Geister, der F. C. Soundso wird Deutscher Meister". Aber hier verlassen wir bereits das Feld der Schlachtrufe und Sprechchöre und betreten das Reich der Beschwörungsformeln und Zaubersprüche. Adolf Metzner