Von Dietrich Bächler

Die Sprachverwirrung in Sachen Hochschulreform nimmt zu. Wer vermag noch Leitmotive heraushören? Viele Stimmen – das mag angehen. Wie aber Klarheit gewinnen, wenn sich diese Stimmen durch Doppelzüngigkeit noch potenzieren?

Dazu kommt die Vorliebe für die Sack-Esel-Methode. Der eine schlägt den Staat und meint die Studenten. Der andere schlägt die Professoren und meint die parlamentarische Demokratie bundesrepublikanischer Prägung. Der dritte schlägt sich selbst und merkt es nicht.

Unter welcher Flagge segeln die Reformer? "Die Leistungsfähigkeit unserer Hochschulen muß erhöht werden." Ein ehrenwertes Motiv, sollte man meinen. Es zieht sich durch die Begründungen aller Gesetzentwürfe, die in den Kultusministerien der Länder ausgebrütet wurden. Nur wer rechtzeitig Marcuse gelesen hatte, konnte ahnen, daß er damit die Wut der "Leistungsverweigerer" reizte. Ministerialbeamte lesen selten Marcuse. Der Sturm der Entrüstung traf sie unvermutet.

"Wer der Auffassung ist, die medizinischen Fakultäten seien dazu da, Ärzte auszubilden, spricht nicht mehr dieselbe Sprache wie wir!" Einfache Gemüter mit Grundsätzen rufen bei einem solchen Diskussionsbeitrag eines Studenten nach dem Psychiater, solange medizinische Fakultäten noch Psychiater ausbilden. Kompliziertere Gemüter denken darüber nach, wie rasch sich die Felder verschieben, die durch den Begriff des "Normalen" gedeckt werden.

Weniger extrem formuliert, klingt die Kritik der "Leistungsverweigerer" so: Der Staat will die Hochschulen an industriellen Vorbildern ausrichten. Der "Out-put" an akademischen "Fach-Idioten", an wissenschaftlich geschulten Facharbeitern soll gesteigert werden. Nicht mit dem Ziel, das Bewußtsein zu schärfen, dem Menschen zur Selbstbestimmung zu verhelfen, bläst der Staat zur Bildungsoffensive. Sein Ziel ist es, die Bedürfnisse der "spätkapitalistischen", automatisierten Wirtschaft zu befriedigen.

Die "Leistungsverweigerer" setzen der Leistungs-Universität die demokratische Universität entgegen. Demokratie wird hier im Sinne von "Herrschaftsfreiheit" verstanden. Die Herrschaft von Menschen über Menschen soll auf das sachlich Unvermeidbare beschränkt werden. Abbau also der Ordinarien-Oligarchie, Mitbestimmung aller Gruppen in der Universität. Das reicht bis zur Forderung der Selbstprüfung von Studenten durch Studenten. Wie sonst soll eine Prüfung "herrschaftsfrei" werden?