ARD, Donnerstag, 22. Mai: Übertragung der Fahrt des Mondschiffs "Apollo 10"

Da sahen wir sie also, die metallen schimmernde Spinne im All, das Greiftier, das halb wie eine Plastik der Konstruktivisten, halb wie ein Mülleimerwagen des einundzwanzigsten Jahrhunderts aussah, wir sahen sie schwimmen über den Kratern und Wüsten inmitten von Ödnis und Agfacolorseligkeiten, weiße Flächen wurden mit Hilfe von mathematischen Zeichen gezähmt, das ist B 1, das Raumschiff schwebt nach B 5, rot blitzte ein Auge der Spinne, man spielte Wagner im Weltall, Alberich hätte das Insekt heißen können, aber sein Name war traulich, Mondfähre, das klingt nach Waldweben, nach Sommernächten und deutscher Romantik.

Während man in den oberen Rängen Bayreuth inszenierte, mit blauem Licht und schwimmendem Getier, liefen im Parterre die Computer-Männchen herum, reichten sich Zettel, starrten auf Schirme, fütterten ein und und fütterten schlecht, so daß die da oben ins Torkeln gerieten und unversehens ein Programm abspielten, das die Artisten unten ratlos sah. Nun, es ging noch mal gut, die Mondmänner wechselten Fähre und Kapsel, die huschenden, hockenden Monitorpuppen blieben huschende, hockende Monitorpuppen, und der Betrachter am Bildschirm hatte einen ebenso befremdlichen wie banalen Gedanken.

Während sie in Houston auf ihren bunten Apparaten die Zellteilung von Kugel und Spinne verfolgten, stellte er sich vor, die Gesamtsumme der bei diesem Unternehmen benötigten Produktivkräfte sei für ein anderes (technisch nicht minder schwieriges, aber soziales) Projekt eingesetzt worden, den Großen Plan zum Beispiel, der, im Sinne der Friedensstrategie, auf die Beseitigung der Hungersnot zielen könnte... nicht auf das Spinnenbild wären dann die Augen der Puppen gerichtet, sondern, mit gleicher Intensität, auf Raupenschlepper und Staudämme, auf Schulen, die in der Wüste entstünden, und auf das Gesicht eines alten Mannes, der sich an diesem Tag, da das Projekt sein Ziel erreichte, zum erstenmal satt essen konnte.

Millionen, die jetzt die Mondbahn der Fähre verfolgten und den Spinnenleib über die Krater hinwegkriechen sahen, würden den Speichel in den Mundwinkeln eines Hungrigen sehen, der nicht mehr ein Hungriger wäre: Das Lächeln könnten sie anschauen, Behagensfalten und ein Muskelzucken, das Befriedigung verriete. Jahrzehntelange Berechnung, der Aufwand an Intelligenz, ein Verzicht auf andere Projekte ... alles hätte sich in diesem Augenblick gelohnt, Versagungen wären gerechtfertigt, Zwänge als sinnvoll erwiesen.

Aber es war nicht das Gesicht des alten Mannes, es war nur die Spinne, deren Kriechbahn um den Mond bewies, was zu erreichen ist: Nicht Reis, sondern die Fähre, ein poetisches Vehikel der zweiten Epoche des Imperalismus. Momos