Von Theo Sommer

Das Staunen ist eine verderbliche Ware; Gewöhnung verschleißt es. Zu jedem christlichen Feiertag ein Raumfahrtversuch, das stumpft auch Begeisterungsfähige ab. Vielleicht war es nur ein Zufall, daß Kulenkampffs Quizkandidaten kein einziges Besatzungsmitglied der Apollo 10 mit Namen zu nennen vermochten; aber vielleicht war es auch ein Symptom. Die Menschen bleiben, so scheint es, ptolemäische Wesen. Die einen finden schon heute einen gutgemachten Science-fiction-Film interessanter als die mehr oder minder glatt funktionierende Eintönigkeit der Mondfliegerei, die anderen fragen immer skeptischer nach deren Sinn.

Wenn alles nach Plan verläuft, werden die Geschichtsbücher den 21. Juli 1969 in Fettdruck als den Tag vermerken, an dem der erste Mensch – Neil A. Armstrong – den Erdtrabanten betrat. Aber dieser Tag wird schwerlich eine Weltenwende markieren, und Armstrong wird kein zweiter Kolumbus sein. Den Zeitgenossen wird rasch aufgehen, daß sich die Verhältnisse hienieden keineswegs wandeln, bloß weil der Mond wenigen Auserwählten zugänglich wird.

Als die Entdecker des ausgehenden 15. Jahrhunderts zu neuen Welten auf diesem Planeten aufbrachen, folgten Hunderttausende in ihrem Kielwasser. Kontinente wurden erobert, die Weltbevölkerung umgeschichtet, die Weltwirtschaft auf eine neue Grundlage gestellt. In diesem Sinne kann es eine Eroberung, eine Erschließung und Besiedlung des Mondes wohl nicht geben. Allenfalls werden die Supermächte dort eine Startrampe für ihre konkurrierenden Imperialismen suchen, einen archimedischen Punkt außerhalb des irdischen Schwerefeldes, um die Welt aus den Angeln zu heben – wie denn überhaupt Krieg und Kalter Krieg beim Aufbruch ins All Pate gestanden haben und noch stehen, nicht simple Neugier oder Goldgier.

Die Masse der Menschen jedoch ist kraft ihrer Physis ebensowenig zu extratellurischen Abenteuern geeignet wie für Himalaya-Expeditionen. Armstrong wird nicht viel mehr Nachfolger finden als der Erstbesteiger des Gaurisankar. Angesichts der Unbilden, mit denen Raumfahrer fertig werden müssen – Beschleunigungsdruck, Schwerelosigkeit, bei längeren Flügen Aufbereitung und Wiederverwendung der eigenen Exkrete – erscheint das als ziemlich sichere Prognose. Schon sprechen denn die Raumfahrtmediziner auch davon, man müsse einen "Kyborg" (kybernetischen Organismus) züchten, einen mechanisch und chemisch modifizierten Menschen, der in der feindseligen Umgebung des Weltraums zweckmäßiger funktioniert als das alte Modell aus dem Garten Eden ...

Seine Konstitution setzt dem Menschen beim Ausgriff in den Weltraum Grenzen. Andere Schranken muß er sich mit seinem Intellekt selber setzen. Nicht, daß er der Raumfahrt entsagen sollte; aber er muß es lernen, technische Phantasie und soziale Verantwortung in Einklang zu bringen. Die Bewunderung für die eiskalte Tapferkeit der Astronauten und der Glanz der technischen Leistung darf ihn nicht daran hindern, immer wieder bohrend nach dem gesellschaftlichen Nutzen und nach den gesellschaftlichen Kosten des Weltraumabenteuers zu fragen. Der Ausflug ins All bedarf, altmodisch ausgedrückt, der Rechtfertigung durch gute Werke auf Erden.

Bisher haben die Vereinigten Staaten für ihr Raumfahrtprogramm rund hundert Milliarden Mark ausgegeben; die sowjetischen Ausgaben für den gleichen Zweck werden nicht viel darunter liegen. Das ist eine ungeheure Summe. Enthusiasten wie Wernher von Braun haben zwar immer wieder die befruchtende Wirkung der Raumfahrttechnik auf die übrige Forschung und Industrie beschworen; und in der Tat zeugen davon nicht nur die Kaffeekannen aus feuerfestem Material. Doch viele der Nebenprodukte hätten bei entsprechender Zielsetzung auch "direkt" erfunden werden können. Jedenfalls mehren sich in letzter Zeit die kritischen Stimmen an der Konzentration auf den Weltraum.