Von Karl-Heinz Wocker

London, im Mai

Wenn kein Wunder geschieht, verliert Labour die nächsten Wahlen. Das ist inzwischen jedermanns Überzeugung in England, und die Regierungspartei macht, wie ihre wachsende Nervosität beweist, darin keine Ausnahme. Was aber kommt nach Harold Wilson und seinem müde gewordenen Kabinett? Die Antwort scheint einfach: Edward Heath und seine in der Opposition erholte Mannschaft.

Doch da setzen die Zweifel ein. Wollen die Briten wirklich Heath in Downing Street einziehen sehen? Oder kommt es ihnen nicht nur darauf an, Wilson zu vertreiben? Man hat nicht den Eindruck, als ob im Augenblick eine landweite Nachfrage nach dem Programm der nächsten Tory-Regierung und ihrer personellen Zusammensetzung bestehe. Das ist erklärlich. Die Konservativen sind noch nicht lange genug draußen. Zu viele Wähler erinnern sich, warum sie 1964 und 1966 die Sozialisten holten, die sie jetzt los sein möchten: weil sie ihnen tausendmal besser erschienen als das, was vorher war. Und "vorher" das waren eben die Tories.

Freilich nicht genau die gleichen Tories, die im nächsten Jahr oder spätestens im Frühjahr 1971 an die Macht gelangen, um mit den Personen zu beginnen: da ist vor allem ein neuer Parteiführer und potentieller Premierminister. Heath hat nicht, wie Macmillan, eine Herzogstochter geheiratet; er hat überhaupt nicht geheiratet, und die Chancen scheinen, zum Kummer der Image-Bildner, gering. Er ist auch nicht von Adel wie Lord Home, der den Titel ablegen mußte, um überhaupt ins Unterhaus zu gelangen. Aber als Yachtbesitzer und Orgelspieler braucht man nicht auch noch aristokratische Kontakte, um an weiten Schichten der Bevölkerung schnurgerade vorbeizuleben.

Die Tories benötigen, um eine Wahl zu gewinnen, immer ein Viertel bis ein Drittel der Stimmen der Arbeiterschaft, und der pfeifenrauchende Familienvater Wilson mit seiner schlichten Verseschmiedin Mary und dem kleinen Ferienhäuschen auf den Scilly-Inseln genießt bei den unteren Einkommensschichten mehr Kredit als der playboyverdächtige Südfrankreichurlauber Heath.

Wie steht es mit dessen Mannschaft? Sie ist nicht sehr verändert worden. Natürlich werden Fossile, wie der Herzog von Devonshire oder der Marquis von Lansdowne, die in Homes erweitertem Kabinett saßen, nicht wiederkehren. Außenminister Butler hat den Lordtitel und ein Masteramt in Cambridge genommen, Innenminister Brooke ist ganz aus dem öffentlichen Leben ausgeschieden, Soames, Churchills Schwiegersohn, residiert als Botschafter in Paris und Verkehrsminister Marples kümmert sich wieder um sein Baugeschäft. Aber im übrigen wird die nächste Regierung stark an die vorige erinnern, wenn auch die Ämter wechseln mögen. Sir Alec Douglas-Home ist noch dabei, Reginald Maudling, Quinting Hogg, Julian Amery, Duncan Sandys, Enoch Powell, Anthony Barber – man muß nur die "Front Bench" des Unterhauses vom September 1964 rekonstruieren, und die Gesichter sind vertraut.