Von Kilian Gassner

Ruhpolding

Der Familienname Zeller ist im Einwohnerregister des weißblauen Ferienorts Ruhpolding gute zwei Dutzend Male vermerkt. Berühmt geworden ist jedoch nur ein Zeller, der Zeller Sepp. Und das nicht nur, weil er – "wenn i in Hochform bin" – bis zu 25 Liter Bier am Tag in sich hineinschüttet. Der Zeller Sepp hat schon ungezählte Damen aus Bremen, Berlin, Bottrop und Wanne-Eickel im Arm gehabt und mit einem Bußl beglückt. Als jodelnder Empfangschef beim Eintreffen eines jeden Touropa-Expreß’, als Ruhpoldinger Original und Fremdenführer dient er – inzwischen 65 und fast zweieinhalb Zentner schwer geworden – seit mehr als drei Jahrzehnten dem Fremdenverkehr.

Die Ära des Zeller Sepp wird jedoch langsam in den Schatten gedrängt. Ein anderer Zeller – weder verwandt noch verschwägert mit dem Sepp – macht von sich Reden. Der Zeller Ludwig, 39 Jahre alt. Er hält nichts vom Jodeln und Schuhplatteln. "Scho mei Vater hat g’sagt, daß des a Krampf is." Gemeinderat Ludwig Zeller bohrt und plädiert hartnäckig für eine Image-Veränderung Ruhpoldings, das immer wieder als "Zielort der meistgekauften Gesellschaftsreise Deutschlands" apostrophiert wird und im bundesdeutschen Flachland als Touropa-Ferienrummelplatz gilt. "Erst kürzlich", empört sich Ludwig Zeller, "war wieder so a Artikel in der ‚Quick‘, in dem unser Ort als reiner Touropaplatz dargestellt worden ist."

In der Mai-Ausgabe der Pressemitteilung "Blickpunkt Ruhpolding" laviert der Herausgeber, eine Berliner Werbeagentur, schon zwischen dem sogenannten Massentourismus und dem Individualtourismus. "Auch bei Privatgästen ist der ‚Touropa-Ort‘ sehr beliebt", heißt es da. "Rund die Hälfte aller Gäste kommen auf eigene Faust." Gemeinderat Zeller weiß es noch genauer. Allen Sonderzug-Gläubigen hält er entgegen: "Unsere 6000 Fremdenbetten werden inzwischen zu 60 Prozent von Privatgästen belegt."

Die Vergangenheit läßt sich freilich nicht von heute auf morgen bewältigen. Pfingsten 1933 dirigierte der Berliner Reisebüro-Inhaber Dr.Carl Degener seinen ersten Sonderzug mit 380 Landufthungrigen in den Bahnhof von Ruhpolding. Dr. Degener und die von ihm nach dem Krieg ins Leben gerufene Touropa katapultierten das in der Tat hübsche Bayerndorf von der 51. Stelle in der Erfolgsliste der bayerischen Fremdenverkehrsorte auf den dritten Platz; die jährliche Urlauberzahl stieg von 2400 auf 65 000. Der "Erfinder des Sozialtourismus" wurde Ehrenbürger und ging in die Ortschronik als "Kolumbus von Ruhpolding" ein.

Die große Touropa sorgte für alles, für Werbung und Wirbel, Schuhplattler, saubere Betten und Schaugeschäft. Der Bürgermeister wurde zugleich Geschäftsführer der Degener-Seilbahn auf den 1670 Meter hohen Rauschberg, die Andenkengeschäfte vermehrten sich und die Zimmer mit fl. k. u. w. Wasser. Der Gemeinderat brauchte sich um die Haupteinnahmequelle Fremdenverkehr, die vor den älteren Erwerbszweig, die Land- und Forstwirtschaft, getreten war, so gut wie gar nicht zu kümmern.