Von Kurt Wendt

Als der fünfzigjährige Will Marx am 9. April 1969 als Sprecher der Commerzbank am Hamburger Platz vor der Presse die Bilanz 1968 erläuterte, ahnten auch seine Kollegen noch nicht, daß dies eine Abschiedsvorstellung war. Inzwischen ist Marx aus dem Vorstand der Commerzbank "in gegenseitigem" Einvernehmen ausgeschieden und als Teilhaber in das Bankhaus Sal. Oppenheim jr. & Cie, Köln, eingetreten. Marx wird künftig jedoch nicht am Rhein residieren, sondern in der Oppenheim-Filiale zu Frankfurt, dem zentralen Platz des deutschen Finanzwesens.

Über den Grund seines plötzlichen und vorzeitigen Ausscheidens aus dem Vorstand der Commerzbank, in der sich wie bei den anderen Großbanken ein Generationswechsel vollzieht, gibt es zwei Versionen. Marx selbst hat erklärt, daß er in dem alten Privatbankhaus Oppenheim die größeren Wirkungsmöglichkeiten für sich und sein Vermögen sieht. Gerade der letzte Punkt hebt ihn aus dem Kreis der übrigen deutschen Vorstände sichtbar heraus: Nur wenige seiner ehemaligen Kollegen, auch die der anderen Großbanken, sind vermögender als er, der Erbe einer reichen Familie. Sein Großvater Wilhelm Marx war früher einmal Aufsichtsratsvorsitzender des Barmer Bankvereins, der nach dem Ersten Weltkrieg mit der Commerzbank fusionierte und ihr den Eintritt in das westdeutsche Industriegeschäft vermittelte. Lange Zeit war Wilhelm Marx auch Oberbürgermeister von Düsseldorf.

Sein Enkel verkaufte im vergangenen Jahr seinen maßgeblichen Anteil an der Düsseldorfer Dieterich Hoefel-Brauerei. Seit langem rätselte man an Rhein und Ruhr herum, wohin der Erlös wandern würde. Jetzt scheint das Rätsel gelöst zu sein. Ein nennenswerter Teil der Brauereimillionen dürfte sich als Kapitalanteil an der Oppenheim-Bank wiederfinden. Marx darf sich künftig Bankier nennen, was nach konservativer Auffassung im deutschen Bankgewerbe den Vorstandsmitgliedern der Banken versagt ist, "die ja nur gut bezahlte Angestellte sind".

Diese "Degradierung" hat den heutigen Aufsichtsratsvorsitzenden der Deutschen Bank, Hermann J. Abs, nicht gestört, als er 1938 das angesehene Privatbankhaus Delbrück, Schickler & Co verließ und "Direktor in der Deuschen Bank" wurde. "Die Tätigkeit als Privatbankier war Organistenspiel an einer Zwei-Manual-Orgel mit 36 Registern. Nun wurde ich, wenn auch schlechter bezahlter Domorganist auf einer wundervollen Orgel mit fünf Manualen und 72 lebenden Registern. Ich nahm diese Stellung an, weil das größere Instrument mir ein angemesseneres Instrument schien."

Es kann als sicher gelten, daß Will Marx auch ein guter Domorganist geworden wäre. Daß er das Zeug dazu hat, räumen seine Commerzbank-Freunde (und er hat deren viele) freimütig ein. Marx gilt als "fortschrittlich" und als Mann großer Beziehungen. Aber es scheint, daß man ihm in der Commerzbank die Stellung des ersten Organisten noch nicht einräumen wollte, wie er es sich gewünscht haben mag.

Die Commerzbank hatte bislang zwei Kronprinzen. Den 1911 geborenen Paul Lichtenberg und eben den um 8 Jahre jüngeren Will Marx. Nach der inoffiziellen Version soll sich die Bankleitung entschlossen haben, Lichtenberg den Platz Nr. 1 einzuräumen. Daraus hat Marx jetzt die Konsequenzen gezogen. Lichtenberg war es dann auch, der an Stelle von Marx den Commerzbank-Vorstand auf der Hauptversammlung in Hamburg repräsentierte.