Von Claus Großner

In jeder hochtechnisierten Gesellschaft bestimmen wissenschaftliche Großobjekte die Entwicklung eines Landes in entscheidender Weise. In Amerika haben einzelne erfolgreiche Großprojekte wie der Bau der Atombombe oder die Weltraumfahrt Wissenschaft und Wirtschaft außerordentlich befruchtet. Aber gleichzeitig hat das Netzwerk neuartiger Gesellschaftsstrukturen, das da entstand, paradoxerweise die Planungsfreiheit von Forschern und Politikern wesentlich eingeengt. Noch fehlt eine Theorie der Großforschung, die deren Folgen für die Gesellschaft analysiert.

Wenn Dr. R. Gilruth, der Chef des Zentrums für die bemannte Weltraumfahrt in Houston, nach dem die Apollo-Besatzung einen Krater auf dem Mond benannt hat, seinem Besucher ironisch lächelnd prophezeit: "Vielleicht weiden hier, wo jetzt meine 10 000 Mitarbeiter arbeiten, in zehn Jahren wieder die Kühe – wie vor zehn Jahren"; wenn der MIT-Profoß Jerome Wiesner, einst Kennedys Wissenschaftsberater, heute am Sinn der Entscheidung, einen Mann zum Mond zu schicken, zweifelt und gleichzeitig von der schwersten Grundlagenkrise für die reinen Naturwissenschaften spricht; wenn endlich der neue NASA.-Chef T. Paine immer noch nicht weiß, was nach dem Apollo-Programm Aufgabe seiner Weltraumbehörde sein wird – dann sind das alles einzelne Symptome für die Krise der US-Großforschung. In dieser Krise gibt es Versuche, überkommene Forschungsinstitutionen, veraltete Planungsmechanismen und überholte Forschungsziele umzupolen.

Die traditionelle Gesellschaftstheorie des amerikanischen Kapitalismus trennte die Bereiche Wirtschaft und Wissenschaft strikt vom Staat. Doch seit der Weltwirtschaftskrise, seit Roosevelt, ist der Staat mit Berufung auf die Theorien von Keynes wirtschaftlich aktiv geworden. Wie die Wirtschaft, so leistete auch die Wissenschaft zunächst Widerstand.

Wissenschaft hatte auch in Amerika – darin ganz der europäisch-humboldtschen Tradition der "einsamen und freien" Forschung entsprechend – die Universität als Bastion gegen den Staat ausgebaut. Stiftungsvermögen machten Harvard, Princeton oder Yale von staatlichen Subventionen unabhängig. Diese institutionelle Autonomie der Wissenschaft wurde am Ende des Zweiten Weltkriegs entscheidend verändert. Das Projekt Manhattan – der Bau der Atombombe – erforderte Kohorten von Wissenschaftlern, die der Staat zumeist den Universitäten entzog. Das politisch motivierte Großforschungsprojekt Atombombe leitete eine Entwicklung ein, die die Forschung immer weiter aus dem traditionellen Bereich der Universität heraus und immer mehr in Industrie oder halbstaatliche Institutionen hineinführte.

Die ersten Großforschungsprojekte verstärkten die Tendenz des New Deal, den Staat in die Wirtschaft eingreifen zu lassen und verknüpften sie mit dem neuen Phänomen des Staats als Wissenschaftsunternehmer. Seitdem verschmelzen die Sphären Staat, Wissenschaft und Wirtschaft immer stärker.

Eine wichtige Rolle spielten dabei die Kontrakte. Das Pentagon vergab ab Anfang 1943 zum erstenmal im großen Stil Forschungsaufträge an Industrieunternehmen mit eingespielten Forschungsorganisationen wie Union Carbide Nuclear Co. oder General Electric oder Universitäten wie die von Kalifornien und von Chikago. Damit bestimmten die Politiker die Ziele der Forschung. Dies Prinzip der Kontraktforschung beherrscht auch heute noch den amerikanischen Forschungsbetrieb.