R. Z., Bonn, Ende Mai

Noch nie ist ein Wirtschaftsminister der Bundesrepublik von den Gewerkschaften so freundlich behandelt worden wie Karl Schiller auf dem DGB-Kongreß in München. Seit er mit seinem Aufwertungsprogramm an der CDU/CSU-Mehrheit gescheitert ist, scheinen ihn die Gewerkschafter als einen der ihren zu empfinden.

Das ist kein Zufall. Durch Geschichte und Ideologie zur Opposition gegen die Herrschenden trainiert, in der modernen Praxis zur Zusammenarbeit gezwungen, schwanken die Gewerkschaften in ihrem Urteil; und immer wieder schlägt die gefühlsmäßige Bindung an die Vergangenheit durch. Zum alten Kampfstil gehört es, daß der neue DGB-Vorsitzende Vetter erklärte, notfalls würden die Gewerkschaften für ihre Mitbestimmungsforderung auch den Streik riskieren. Moderne Gewerkschaftspraktiker dagegen versichern, so ernst sei diese Drohung nicht gemeint. Und so überrascht es auch wenig, daß sich das Parlament der Arbeit in einem Jahr, in dem der Unterschied zwischen Unternehmensgewinnen und Arbeitereinkommen besonders skandalös ist, fast ausschließlich mit Mitbestimmung beschäftigt und nur am Rande mit Tariflöhnen und Vermögensbildung.

Die Diskussion über die Rolle der Gewerkschaften und ihren organisatorischen Aufbau ist auf dem Münchner Kongreß in den Anfängen stecken geblieben. Immerhin haben die Delegierten einen außerordentlichen Kongreß erzwungen, auf dem sie, unbelastet durch Wahlen und Anträge zu allen möglichen politischen Themen, die eigene Organisation unter die Lupe nehmen können. Die Warnungen übervorsichtiger Gewerkschafter, dabei werde es nur zu unnötigem Streit kommen, sollte nicht allzu ernst genommen werden; viel schlimmer wirkt es sich aus, wenn der DGB jahrelang unter einer Käseglocke gehalten wird. Was die SPD schon vor zehn Jahren in Godesberg an Reformdiskussion geleistet hat, steht den Gewerkschaften noch bevor.