Bonn, Ende Mai

Binnen weniger Wochen haben jetzt drei Länder die DDR anerkannt: nach dem Irak und Kambodscha nun auch der Sudan. Zwar ist der Sudan nicht mit Kambodscha vergleichbar, denn wie der Irak hatten die Sudanesen vor Jahren schon die diplomatischen Beziehungen zur Bundesrepublik abgebrochen, während in Phnom Penh ein deutscher Botschafter residiert. Dennoch wird dieser Schritt der neuen sozialistischen Regierung in Khartum den Kanzler und einen Teil der Union in der Meinung bestärken, nun sei es höchste Zeit, hart zu reagieren. Mit anderen Worten: die diplomatischen Beziehungen zu Kambodscha abzubrechen.

Wenn Kiesinger seine Absicht wahrmacht, wird es zu einer schweren Krise der Koalition kommen. Brandt hat wiederholt öffentlich verkündet, er halte den Abbruch der Beziehungen für falsch, weil auf diese Weise der DDR ein Alleinvertretungsrecht zugesprochen werde. Der SPD-Außenminister kann ohne Schaden für sein Prestige und das seiner Partei nicht nachgeben.

Bestimmte Kreise der Union glauben freilich, daß sich Härte auf jeden Fall innenpolitisch empfehle. Gäbe Brandt nach, wie zuvor Schiller nachgeben mußte, so würde das die Wahlchancen der SPD beeinträchtigen, denn die Partei wäre endgültig in die Rolle des kleinen, ohnmächtigen Partners gedrängt. Riskierte die SPD hingegen den Koalitionsbruch, so würden ihr die Wähler das erst recht verübeln. Die SPD könne, so meinen einige Christlichen Demokraten, sich nur zwischen diesen Alternativen entscheiden – zwischen Gift und Guillotine.

Der innenpolitische Zweck wäre damit für die Union erreicht. Ob das erklärte außenpolitische Ziel einer Sanktion gegen Kambodscha ebenfalls erreicht würde, bleibt freilich höchst fraglich. Der Sudan zum Beispiel hätte sich, auch wenn die Bundesrepublik die Beziehungen zu Kambodscha schon abgebrochen hätte, kaum daran hindern lassen, einen Botschafter nach Ostberlin zu schicken. R. Z.