Von Hartmut Sander

Für die Aufführungen von Handkes eigenen Stücken "Das Mündel will Vormund sein" und "Kaspar" beim Theaterwettbewerb haben wir Hartmut Sander um eine Kritik gebeten. Sander war früher Mitglied der Linkeck-Kommune, machte die "Oberbaumpresse" und veröffentlichte im Frühjahr das Buch "Subkultur Berlin".

In der BZ sprach A. Berski mit Handke: "Politisch reden ist doch nur Geschwätz." Das also auch.) Prima! Da hol ich alles her. ‚Der Vormund liest Zeitung, das Mündel wirft mit Kletten, hackt Rüben, und so gehen die Daneben Mini-Handlungen weiter und weiter. Das alles hat nichts Tiefsinniges zu bedeuten, jagt Handke. Dem ist nichts hinzuzufügen. A. B." Die BZ kann es sich erlauben, Handke beim Wort zu nehmen. Mir fiel ein: Da nichts "passiert" von "Bedeutung" auf der Bühne, passiert das, was tatsächlich passiert. Da nichts bedeutet wird, bedeutet alles etwas, kommt die Struktur dessen zum Vorschein, in der bedeutet wird. Das ist nicht nur Bühnenerfahrung, sondern ziemlich subversive Realerfahrung. Daß "Bedeutungslosigkeit" und "Oberfläche" angenehm empfunden wird, immer wieder nur Oberfläche wahrgenommen wird: Möglich nur dem, der real aus mechanischen Arbeitszwängen entlassen ist, die Wahrnehmung auf "Tiefe" zu strukturieren.

Ein Stück von Handke ist wie ein Trip.

Die Bühnen Wirklichkeit: 1. Es gibt Zuschauer und Leute, denen zugeschaut wird. Der Blick des Schauspielers darf uns nicht treffen. (Etwa wenn er sich die Fußnägel schneidet.) 2. Bedeutsam wird etwas dadurch, daß es unsere Aufmerksamkeit erhält. S.tatt ins Theater zu gehen, könnten wir uns eine Kamera vor die Augen binden und zwei Stunden knipsend damit herumlaufen. Polaroid: Bilder der Bilder. Jede Aufmerksamkeit wird erzwungen. Ja! Werbung: die Organisation unseres Wahrnehmungsapparats, Muster, Raster, Strukturen. Dieser Zwang, der schöne Zwang, der "organische" Zwang ist bei H. ein "unnatürlicher", künstlicher, oho, ein "gesellschaftlicher" Zwang: H. spekuliert damit, daß sein Publikum (wer ist das?) die Freiheit nicht hat, die die Katze im "Vormund" hat, "das zu tun, was sie tut". Die Katze spielt nicht in einem "Stück" mit. Das Kind, das in der ersten Reihe saß, schaute noch keinem "Theaterstück" zu.

Die erzwungene Aufmerksamkeit für ein Stück von H. ist das pure autoritäre "Wie-man-sich-im-Theater-zu-verhalten-hat", die erlernte Regel. Dadurch, daß nichts passiert, wird diese Regel uns eingebleut. Während des Einbleuens "passieren" wir. Danach – erschöpft haben wir unseren Widerstand gegen die Regel aufgegeben, o wie kritisch – wird unser Widerstand auf der Bühne abgebildet. (Das Mündel wirft mit Kletten nach seinem Vormund, und Blut fließt aus Nase und Mund des Mündels.) Sofort – nach solcher Deutung, Sinn, Symbol – unser Widerstand, und es gibt wieder eine Bühne. "Kräck." Dann wieder nichts. Wir sitzen wieder nur im Sitz.

Rolf Eden: "Manche gehen auf die M. Reinhardt-Schule: Ich bin prominent." Bei H. fehlen die schönen Zwänge, Kino ist besser, gute Platten; aber nur Theater, Theaterpublikum, langweilige Leute (Illustrierten sind besser), Leute, die Ho-Ho-Tschi-Minh skandieren, wenn’s Mündel langsam seine Äpfel ißt, was die vorderen Reihen goutieren. Dabei ist so ein H.-Stück "kritisch": Es zeigt, daß wir gelernt haben, still zu sitzen, und still sitzen. Es zeigt, daß das aufmerksam macht, was uns dazu zwingt, und wir uns zwingen lassen (müssen). Es zeigt, wie man Geld verdient, indem jemand berufsmäßig solchen Zwang ausübt. Aber so schlimm ist es ja nicht. Man kann sich jederzeit durch die Reihen drängeln und eine Etage runter ins "subkulturelle" Zodiak gehen. "Kaum fange ich an zu reden – schon nehme ich eine Tarnfarbe an und unterscheide mich nicht mehr von meiner Umgebung." Kräck.