Der Sozialismus, die klassenkämpferische Philosophie der unterdrückten Menschheit, ist offensichtlich arriviert. Jedenfalls haben sich angesehene Wissenschaftler und Publizisten, Kenner der Materie, zusammengetan und seine Geschichte niedergeschrieben. Das Ganze wurde dann reichhaltig mit Bildern und Dokumenten versehen und in einem repräsentativen Bildband einer breiten Öffentlichkeit übergeben. Von einem Verlag übrigens, der nicht eben für radikale Schriften bekannt geworden ist. Man zieht Bilanz für das Erreichte, und wenn das nicht für sich selber spricht – die "Neue Linke" paßt da nicht recht hinein –, dann wird man historisch, sucht sich passende Ahnen in der Geschichte, in gut aristokratischer oder großbürgerlicher Manier.

Dabei hat ja der Sozialismus Geschichte genug, wenn das auch die meisten seiner heutigen Anhänger nicht wahrhaben wollen. Es gäbe nicht nur Marx oder Lenin, an deren Worten nicht gedeutelt werden darf. Sie ist interessant und spannend und von der heutigen Wirklichkeit, mag sie noch so sehr als "repressiv" oder "neokapitalistisch" getadelt werden, einfach nicht wegzudenken. Deshalb ist –

Iring Fetscher: "Sozialismus. Vom Klassenkampf zum Wohlfahrtsstaat. Texte, Bilder, Dokumente"; Kurt Desch Verlag, München 1968; 428 Seiten, 64,– DM

ein interessantes Buch, voller Informationen und Anregungen gerade für diejenigen, die durch Apo und Studentenrebellion dazu gedrängt werden, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. In zwölf Kapiteln wird die Geschichte des Sozialismus in den wichtigsten Ländern Europas, Asiens und Afrikas abgehandelt; ein weiterer Band soll den Kommunismus zum Thema haben. Kurzbiographien großer Sozialisten und ein ausführliches Personen- und Sachregister machen den Band zu einem nützlichen Nachschlagewerk.

Nur: diese Biographien sind nun doch ein wenig zu willkürlich zusammengewürfelt. Da steht Jan Hus neben Hilferding, Thomas Morus neben dem Afrikaner Nkrumah, Ben Bella neben Thomas Münzer. Es ist schon eine Crux mit den Ahnen: Man mag sie illuster und reklamiert deshalb Geistesgrößen seit der Spätantike für sich, Ordensgründer und Stifter chiliastischer Bewegungen, die nun allesamt, jeder auf seine Weise, das verlangten, was die Begründer des Sozialismus im 19. Jahrhundert gerade nicht wollten, nämlich die Heiligung des Menschen.

Übrigens hat kurioserweise ein Autor vor einigen Jahren fast dieselben Männer dem Faschismus als Ahnen zudiktiert. Es überzeugte genausowenig. Ahnenforschung für politische Phänomene, die Suche nach roten Fäden in der Weltgeschichte ist, mindestens heutzutage, keine sehr taugliche Methode, Dinge zu erklären, zu rechtfertigen oder zu entschuldigen, sei es Preußen, Hitler oder eben der Sozialismus, über den ja der Streit, welcher nun der rechte sei, bis zur Stunde noch nicht ausgetragen ist.

Man hätte lieber Konkretes gelesen. Weniger von Thesen und Richtungskämpfen und mehr von der Praxis sozialistischer Politiker. Über die Volksfront-Regierung Léon Blums – ein "Experiment"! – findet man eine knappe halbe Seite, über die mehr als zehnjährige Regierung Otto Brauns in Preußen nur dessen Bild. Vielleicht hätten Herausgeber und Autoren ihre offenkundige Neigung für Ideengeschichte ein wenig zügeln sollen. Sie wird nämlich dem historischen Phänomen "Sozialismus" nur sehr unvollkommen gerecht. Ernst Wilhelm Graf Lynar