Die Krise, in der sich die größte und älteste Pariser Morgen-, zeitung, der "Figaro", befindet, beschäftigt nicht nur die Leser des Blattes, sondern auch viele, diekaum jemals einen Blick hineingetan haben.

Zunächst war die Sache für die Abonnenten ärgerlich: Weil die Redakteure streiken, erscheint der "Figaro" nicht – so wurde es ihnen mitgeteilt, und so müssen sie es hinnehmen. Sie hatten sich an ihre Zeitung gewöhnt, und lasen sie darin auch gelegentlich etwas, das nicht jedermanns Meinung war und Anstoß erregte, so zweifelten sie doch nicht, daß "die Richtung stimme", die Nachrichten richtig, die vorgetragenen Urteile ernst gemeint und aufrichtig seien.

Die anderen aber, denen der "Figaro" nicht so vertraut war, nicht tägliches Brot der Lektüre, sahen in dieser konservativen Zeitung eher die Stimme der Gegenposition. Für sozialistisch Denkende war das Blatt zu "bürgerlich", zu "kapitalistisch", für Freidenkende zu "fromm", für kühle Naturen zu "sentimental", – für Leser der Massenpresse zu wenig "sensationell", für kritische Geister zu "wohlorganisiert und brav und national", kurzum: zu sehr "das, was sich gehört". Als nun der Streik der Redaktion begann und nach ein paar Tagen noch kein Ende abzusehen war, reagierten die regelmäßigen und unregelmäßigen Leser auf verschiedene Weise.

Den Abonnenten fehlte der "Figaro" in ihrem Hausbriefkasten, vorm oder beim Frühstück, in der Metro. Sie taten den gewohnten Griff. Kein "Figaro". Ein Gefühl der Leere. Wie ärgerlich, dieser Streik!

Die anderen wurden plötzlich von lebhaftem Interesse am fehlenden "Figaro" gepackt. Ausgerechnet die Redakteure eines Blattes, das noch nie Sympathie für einen Streik im eigenen Lande gezeigt hat, treten in Ausstand. Ausgerechnet Journalisten, die für privates Unternehmertum kämpfen, sind ihren eigenen Unternehmern gram. Und dabei geht der Streik nicht einmal um Geld, um Erhöhung der Gehälter. Was für ein sonderlicher Streik!

Hätten diese Erstaunten den "Figaro" aufmerksamer gelesen, sei es mit oder ohne Sympathie, so hätte ihnen auffallen müssen, daß in dem "wohlorganisierten Blatt" mit schöner Regelmäßigkeit Meinungen. gedruckt wurden, für die der Autor einzustehen hatte, er allein. Man gab ihm Freiheit. Aus dieser Tatsache war zu schließen, daß die Redakteure, mochten ihre Urteile im wesentlichen auch übereinstimmen, die gleiche Freiheit für sich beanspruchten. Den Abonnenten war dies-selbstverständlich, den anderen offenbar nicht. Doch alle stimmen sie in dem Gedanken überein, daß, wenn die "Figaro"-Redakteure streiken, die Sache sehr ernst sein muß. Und das ist wahr: sehr ernst.

Diese Sache ist in komprimierter Fassung so auszudrücken: Die Eigentümer des "Figaro" wollen ein-Blatt nach ihrem Gusto, so wieein Topffabrikant das Recht hat, Größe und-Art der Töpfe zu bestimmen, die seine Arbeiter produzieren, nicht nach ihrem, nein, nach seinem Geschmack. Was aber hindert Redakteure, wie Topfarbeiter zu handeln? Nichts als der kleine Unterschied, daß Zeitungspapier ein anderes Material ist als Blech und Eisen. Es gewinnt erst Wert durch die Wahrheit dessen, was da gedruckt wird. Diese Wahrheit wird produziert durch die Intelligenz, das Urteilsvermögen der Redakteure, durch ihre Freiheit zur Objektivität (so subjektiv sie manchmal sein mag), aber auch durch ihren Charakter. Ja, wir kommen um das Wort nicht herum: Es gibt eine journalistische Ehre. Zu ihr haben die Redakteure des "Figaro" sich bekannt, auf die Gefahr, hinausgefeuert zu werden aus ihren hochbezahlten Positionen.

Am Rond Point bei den Champs-Elysées, wo das vornehme Redaktionshaus des "Figaro" sich befindet, wurde ein Buch ausgelegt für Unterschriften derer, die sich für daß Verhalten der Redakteure erklären. Dort tragen sich Leute ein, die auf die Frage: "Regelmäßiger Leser?" glatt erklären: "Nein, vielleicht demnächst." Es gibt auch die Ehre des Lesers!