Eduard Goldstücker ist einer der profiliertesten Prager Intellektuellen. In Köln diskutierte er unlängst mit einem jungen deutschen Linksradikalen, Reinhart Wolff vom SDS. Wir beenden heute den Abdruck des Protokolls. Daneben drucken wir auszugsweise den Bericht ab, den der sowjetische Journalist Julian Semjonow in der "Komsomolskaja Prawda" über seine Eindrücke von der Westberliner APO veröffentlichte.

Wolff: Inwieweit hat die junge Linke in den kapitalistischen Ländern praktische Ansätze einer internationalistischen Solidarität gemacht? Inwieweit ist das nicht der Fall? Da sehen wir, daß die französischen Studenten zum Beispiel in ihrem Kampf nicht allein gegen den französischen Kapitalismus kämpfen, sondern daß die französischen Studenten das tun in einem Bewußtsein eines gemeinsamen Kampfes gegen den imperialistischen Zusammenhang. Als Internationalisten müssen wir jeder an seinem Ort gegen den Kapitalismus kämpfen. Und deswegen müßte auch der Genosse Goldstücker, wenn er in der Bundesrepublik ist oder in Sussex lehrt, sich dort als marxistischer Kämpfer gegen diese Gesellschaften verstehen.

Genosse Goldstücker würde wahrscheinlich sagen, daß er über seine Lehrveranstaltungen, über die Entfaltung gewisser Argumentationen im Sinne der Einleitung von Aufklärungsprozessen auch im Sinne der sozialistischen Weltbewegung tätig ist; da gibt es aber noch eine Dimension, die darüber hinausgeht, eine Dimension, die zwar für Intellektuelle sehr schwer zu verwirklichen ist, die aber für einen Marxisten hinzukommen muß, nämlich die praktische Organisationsarbeit, die tagtägliche Beteiligung an den Auseinandersetzungen.

Reinhart Wolff legt Wert auf den "Solidarisierungsfaktor". Was er in diesem Zusammenhang davon halte, daß Rudi Dutschke, als er in Prag war, von seinen Altersgenossen mit Zurückhaltung aufgenommen wurde und daß Kommilitonen und Genossen außerhalb der Tschechoslowakei auf die Tat Jan Palachs mit Zurückhaltung reagiert hätten?

Wolff: Das bezeichnet vielleicht die Entfremdung, die sich zwischen den Sozialisten in den sogenannten sozialistischen und in den kapitalistischen Ländern entwickelt hat. Man wußte viel zuwenig voneinander. Man war auch viel zuwenig über die konkreten gesellschaftlichen Bedingungen einer politischen Praxis informiert. Ich meine, insofern können wir das, was der Genosse Goldstücker im Hinblick auf eine Problematik internationalistischer Tätigkeit gesagt hat, aufnehmen: daß es schwierig ist, die praktischen Konflikte, die Kämpfe in einem anderen Land, auch konkret begreifen zu können.

Rudi Dutschke sei das Opfer von Gewaltanwendung geworden, Jan Palach – konsequent zu Ende gedacht – auch.

Aber mit Jan Palach hat sich der SDS nicht solidarisiert...