Im Wahlkampf um das Amt des französischen Staatspräsidenten fiel bei Wochenbeginn der Gong zur letzten Runde. Alain Poher, interimistisches Staatsoberhaupt und aussichtsreichster Konkurrent des gaullistischen Kandidaten und Ex-Premiers, Georges Pompidou, erklärte am Dienstag vor der Presse: "Ich habe mich über alle Parteien und außerhalb von ihnen gestellt. Der Präsident der Republik wird vom ganzen französischen Volke gewählt."

Dieses Wort hätte aus dem Munde des abgedankten Generals stammen können. Es war an die bürgerliche Mitte gerichtet, deren Furcht vor den Kommunisten bleibt – mögen die Staatsoberhäupter auch wechseln. Noch hat zwar die KPF nicht zu erkennen gegeben, wen sie in der Stichwahl am 15. Juni unterstützen wird, wenn ihr Kandidat Jacques Duclos im ersten Wahlgang verliert-

Sicher aber war bereits, daß Poher die Stimmen der sozialistischen Linken zufallen würden, deren Repräsentant Defferre im ersten Durchgang nach letzten Meinungsumfragen noch weniger Chancen als Duclos hat. Sicher war auch, daß Poher nicht mehr ganz auf das Demokratische Zentrum zählen darf. Deren Vorsitzender, Jacques Duhamel, hat sich offiziell für Pompidou erklärt, der ihm eine Reihe politischer Zusicherungen machte.

Das Stimmungsbarometer für Poher, das zunächst überraschend hohe Werte angezeigt hatte, fiel. Zwar pendelten sich die Meinungsumfragen für Pompidou nahe der "kritischen Marke" bei etwa 41 bis 42 Prozent Stimmen im ersten Wahlgang ein. Doch die Prozente für Poher sanken – von 39 auf zuletzt 30. Gleichwohl räumten ihm die Auguren noch eine solide Chance für den zweiten Wahlgang ein – trotz der Entscheidung Duhamels, hinter dem nur zwei Drittel der Zentrumsfraktion stehen.

Poher griff am Dienstag noch einmal kräftig in die Tasten: Europa drohe der "Erstickungstod". Im Falle seiner Wahl werde er die Initiative für eine Gipfelkonferenz ergreifen, "die neue Perspektiven für ein vereinigtes Europa der Völker eröffnen wird". – "Frankreich wird die Garantie seiner Unabhängigkeit und Sicherheit in einer erneuerten atlantischen Allianz finden, in der Europa ein gleichberechtigter Partner der Vereinigten Staaten werden wird." – "Frankreich wird zu einer gerechten Lösung des Konflikts zwischen Israel und den arabischen Staaten im Geiste seiner traditionellen Freundschaften beitragen. Als Verheißung für alle Franzosen kündigte sich die Ära nach de Gaulle an.