Seit de Gaulles Rücktritt ist die Zeit der bequemen Ausreden vorbei. Nun muß Bonn in der Europapolitik Farbe bekennen

Die Zeit der schönen Sprüche ist vorbei: Wer heute leidenschaftliche Bekenntnisse zu Europa ablegt oder sich als eifriger Befürworter eines englischen Beitritts zur EWG aufspielt, muß damit rechnen, jetzt auch beim Wort genommen zu werden. Paris bietet für starke Worte aber laues Handeln kein überzeugendes Alibi mehr.

Kein Politiker in Bonn, Rom oder Den Haag kann sich in Zukunft noch hinter dem breiten Rücken des Generals verstecken und guten Willen vorschützen, wo er in Wirklichkeit gar nicht vorhanden ist. Es war ja auch gar zu bequem und billig, sich als guter Europäer zu geben, solange alle Schuld an der Stagnation innerhalb der Europäischen Gemeinschaft dem eigenwilligen General in Paris zugeschoben werden konnte.

Wie angenehm war es doch, britischen Besuchern schulterklopfend zu versichern, Bonn würde jederzeit die englischen Beitrittswünsche unterstützen, doch leider...

Solange keine akute Gefahr bestand, solche Wechsel auf die Zukunft auch wirklich einlösen zu müssen, gingen derartige Versprechen leicht von den Lippen. Das hat sich geändert – rascher als mancher geglaubt haben mag.

In Bonn muß man sich nun klar darüber werden, unter welchen Bedingungen und zu welchem Zeitpunkt das Tor für England geöffnet werden soll. Man wird sich fragen müssen, welchen politischen und wirtschaftlichen Preis wir für die Aufnahme der Briten zahlen wollen und welchen Gewinn Europa und die Bundesrepublik aus einer Erweiterung der Gemeinschaft ziehen könnten. Bis heute wurde hier noch keine klare Rechnung aufgemacht; und niemand weiß, was unter dem Strich dabei herauskommt.

Wenn Pompidou die Präsidentschaftswahlen gewinnt, so wird er sicherlich nicht von heute auf morgen den Kurs der französischen Politik um 180 Grad ändern können. In Paris rechnet man aber damit, daß sich auch nach einem – inzwischen gar nicht mehr so sicheren – gaullistischen Wahlsieg nach fünfzehn bis achtzehn Monatendurchaus einWandel in der französischen Haltung gegenüber dem englischen Beitrittswunsch vollziehen könnte. In Paris ist man heute schon gespannt darauf, ob die Vertreter der deutschen Industrie dann immer noch laute Bekenntnisse zur Zusammenarbeit mit den Briten ablegen oder ob dann das große Gejammer über den wachsenden Konkurrenzdruck beginnt.