Die Konjunktur läuft viel besser als erwartet: für 1969 brauchen wir eine neue Zielprojektion

Nur noch wenige Prozent trennen die Kurse deutscher Aktien von dem absoluten Höchststand, den sie im Sommer 1960 erreicht hatten. Die stürmische Nachfrage, die den Börsenmaklern Rekordumsätze beschert, geht gewiß zu einem großen Teil von "heißem Geld" aus. Aber sie zeigt doch auch, daß nie in den letzten Jahren die Gewinnkraft der deutschen Industrie so hoch eingeschätzt worden ist wie heute.

Wenn man die (leider noch spärlichen) Quartalsberichte deutscher Aktiengesellschaften liest, muß man den Eindruck gewinnen, daß dieser Optimismus vollauf gerechtfertigt ist. Was kaum jemand für möglich gehalten hat: die Rekordergebnisse des Jahres 1968 werden von den Gewinnen des Jahres 1969 noch weit übertroffen. Eine Steigerung des Reingewinns um 10 bis 15 Prozent in den ersten Monaten 1969 (gegenüber der gleichen Zeit des Vorjahres) ist die Regel, ein Plus von 20 Prozent oder noch mehr die keineswegs seltene Ausnahme.

Wer wird sich wundern, daß die Gewerkschaften allmählich unruhig werden? Zweieinhalb Jahre lang haben sie Zurückhaltung in der Lohnpolitik geübt und dadurch den "Aufschwung nach Maß" ermöglicht. Natürlich ist es nicht so, daß von der neuen Hochkonjunktur "ausschließlich die Unternehmer profitieren", wie einige Ultralinke beim Gewerkschaftskongreß in München behauptet haben. Wie bei leergefegtem Arbeitsmarkt nicht anders zu erwarten, sind die effektiv gezahlten Löhne inzwischen kräftig gestiegen. Aber gerade die größer werdende Spanne zwischen Tarif- und Effektivlöhnen muß die Gewerkschaften ärgern: sie wollen schließlich ihren sowieso weniger werdenden Mitgliedern den Erfolg ihrer Arbeit nachweisen.

Die Arbeitnehmervertreter werden die nächste Runde der Konzertierten Aktion am 20. Juni gewiß dazu benutzen, um die Forderung nach kräftiger Erhöhung der Löhne anzumelden. Und die Sprecher der Arbeitgeber wären gut beraten, wenn sie den Wünschen der Gewerkschaften nicht einfach ein stures "Nein" entgegensetzen würden. Eine Position, wie sie etwa Arbeitgeberverbands-Präsident Professor Balke mit seiner Warnung vor einer "Lohnexplosion" eingenommen hat, wäre doch nur unglaubwürdig und auf die Dauer unhaltbar.

Wann soll eigentlich die Zeit für Lohnerhöhungen gekommen sein, wenn nicht jetzt im Boom? Das Wachstumstempo ist höher als erwartet. Die Unternehmer verdienen soviel wie nie zuvor, die Industriepreise sind seit 30 Monaten praktisch stabil, unsere Erzeugnisse auf dem Weltmarkt entsprechend konkurrenzlos preiswert (nach Ansicht vieler sogar "zu billig"). Schon bei der Hannover-Messe hat Karl Schiller angekündigt, daß die Zielprojektion für 1969 nach oben revidiert werden muß. Das Kabinett sollte die neuen Zahlen jetzt schnell vorlegen.

Nur eine an den ökonomischen Fakten orientierte Lohnpolitik kann ein weitgehend störungsfreies Wachstum der Wirtschaft ermöglichen, von dem Unternehmer wie Arbeitnehmer gleichermaßen profitieren. Kooperation zwischen den Tarifpartnern aber ist nur möglich, wenn mittelfristig beide befriedigt werden. 1969 muß zu einem Jahr der Löhne werden. Diether Stolze