"Dichter über Hölderlin", herausgegeben von Jochen Schmidt. Man weiß, daß Hölderlin im neunzehnten Jahrhundert auch seinen Dichter-Kollegen wenig bekannt war. Deshalb ist das Bändchen schmal, sein Inhalt aber bewegend; es enthält unter anderem den taktvollen, aber genauen Bericht Waiblingers über das Leben des geistesgestörten Hölderlin, Gustav Schwabs der Größe des Dichters ahnend nachspürende Einleitung zur Gedichtausgabe von 1826, den erstaunlichen Aufsatz des fünfzehnjährigen Nietzsche, in dem er einem Freund Hölderlin als seinen Lieblingsdichter vorstellt. Aus den Jahren, nach 1900 nahm der Herausgeber auf: Stefan Georges weihevolle Hölderlin-Anrufung in Gedicht und feiernder Würdigung, einige Äußerungen Rilkes, Hesses und J. R. Bechers und – last but not least – Martin Walsers schönen Lektüre-Erlebnisbericht "Hölderlin auf dem Dachboden". Aus unserem Jahrhundert hätten sich noch mehr Dichterstimmen zu Hölderlin finden lassen (Benn, Weinheber, Hofmannsthal); dennoch ist Jochen Schmidts Buch als handliche Zusammenstellung sehr willkommen. (Insel-Bücherei 939, Insel-Verlag, Frankfurt; 146 S., 4,80 DM)

Jörg Drews

"Die Klarinette", eine Kriminalnovelle von Guido Bachmann. Zwei Knaben lieben einander sehr, und lieben Unglücklich. Einer wird ermordet aufgefunden. Rätselhaft ist das Verhalten des anderen, und verständnislos der Untersuchungsbeamte. Der Ausgang wird nicht verraten, da die Sache ja spannend bleiben soll. Aber Bachmann, der 1966 mit einem Roman "Gilgamesch" debütierte, hat mehr geschrieben als eine Kriminalnovelle. Der Abgrund von Fremdheit zwischen Generationen tut sich auf, der ja nirgendwo glaubwürdiger zu machen ist als im privatesten Bereich. Pubertätsnöte, einmal anders, bis zur tragischen Konsequenz. Mancherlei Krankhaftes – und ein Polizeiwachtmeister, der unter seinem Vornamen Gottlob leidet. Das Ganze ist in kurze, prägnante Szenen gegliedert. Dem entspricht die knappe Diktion, die nur manchmal ein wenig zu schmissig wirkt. Aber die Geschichte ist nicht überfrachtet. Immerhin eine Talentprobe des jungen Schweizer Autors. Und lesbar. (Lukianos-Verlag, Bern; 79 S., 10,– DM)

Martin Gregor-Dellin

"Zärtlich ist die Nacht", Roman von F. Scott Fitzgerald. Der Autor, von Hemingway als Lehrer und Bruder bezeichnet, bei uns durch "Der große Gatsby" bekannt, hat in diesem Roman die preziose Melancholie der lost generation beschworen. Seine Geschichte: Ein junger amerikanischer Arzt lernt in der Schweiz eine schöne geisteskranke Amerikanerin kennen, die er schließlich heiratet. Vorsichtig baut er eine Existenz um sie und die gemeinsamen Kinder auf, vernachlässigt die eigene Forschungsaufgabe, versucht Krise auf Krise bei seiner Frau zu bewältigen und muß endlich nach Jahren erkennen, daß sie, gesund geworden, seiner nicht mehr bedarf. Er kehrt in die USA zurück und verkommt. Sie heiratet ein Großmaul und wird glücklich. Fitzgerald ist noch einer der Autoren, die souverän ihrer Erfahrung vertrauen und Herr sind über ihre Personen. Er kommentiert sie, er läßt keinen Zweifel aufkommen, daß er Meister ihrer Unvollkommenheiten ist, und nie fällt ein grobes Wort. Die Contenance der Figuren und die kühle Überlegenheit des Autors schaffen ein fast makabres Milieu von einst, faszinierend und unwiederholbar. (Blanvalet Verlag, Berlin; 449 S., 22,– DM)

Sybil Gräfin Schönfeldt

"China / Korea / Japan", Band 17 der Propyläen-Kunstgeschichte, von Jan Fontain und Rose Hempel. Glückliche Umstände arbeiten einer Darstellung der chinesischen, koreanischen und japanischen Kunst in die Hand: die Tatsache, daß wir es bei der ersteren mit einem im höchsten Grade geschlossenen Komplex zu tun haben und daß die Einwirkung die von ihm auf die beiden anderen Kulturkreise ausging, Schritt für Schritt und aufs genaueste verfolgt werden kann; die Tatsache auch, daß Chinesen wie Japaner sich seit Jahrhunderten als Kenner, Sammler und Kunsthistoriker betätigt haben und der westliche Wissenschaftler so ein ideales Tätigkeitsfeld vorfindet. Wenn sich dazu noch die glückliche und gemeinverständliche Darstellungsgabe gesellt, über die das Tandem Jan Fontain und Rose Hempel im gleichen Maße verfügt, so kommt eine Überschau zustande, die man nicht anders als perfekt-vorbildlich nennen kann. Ausgezeichnet auch die Bildauswahl – selbst wenn man sich fragen kann, ob eine chronologische Anordnung nicht aufschlußreicher gewesen wäre als die nach Kunstgattungen. Dieser Propyläen-Band wird der Aufgabe der Reihe aufs schönste gerecht: dem Beschauer eine Gesamtschau nationaler Kunstwelten zu vermitteln und gleichzeitig als brauchbares Nachschlagewerk zu dienen. (Propyläen Verlag, Berlin; 310 S., Abb., 165, – DM, Subskriptionspreis 140,– DM)

Manuel Gasser