Eine der farbigsten, interessantesten und produktivsten Figuren unter den politisch-profilierten Staatslehrern der Weimarer Zeit war Hermann Heller. Zunächst in Leipzig tätig, dann in Berlin wirkend, schließlich in die Emigration gezwungen und dort allzufrüh verstorben, nahm er ebenso leidenschaftlichen Anteil an der Politik wie an der grundlegenden Auseinandersetzung über den Positivismus in der Staatsrechtslehre. Er war ein Gegner des Super-Positivisten Hans Kelsen, zugleich aber als Sozialdemokrat ein Befürworter der Ersten Republik im Gegensatz zu den Anti-Positivisten Carl Schmitt und Rudolf Smend, die die Legitimität der parlamentarischen Demokratie in Frage stellten.

Hellers Position in diesem Kampf ist nie ausführlich untersucht und gewürdigt worden. Dies geschieht zum erstenmal in der jetzt als Buch gedruckten, anspruchsvollen Dissertation von

Wolfgang Schluchter: "Entscheidung für den sozialen Rechtsstaat. Hermann Heller und die staatstheoretische Diskussion in der Weimarer Republik"; Kiepenheuer & Witsch, Köln 1968; 300 Seiten, 26,– DM.

Hellers konstruktiver Beitrag zur Staatslehre zeigte sich vor allem darin, daß er die Soziologie als eine Wirklichkeitswissenschaft in die Betrachtung einbezog und damit zu einer Staatslehre als Wirklichkeitswissenschaft im Gegensatz zu einer normativen Disziplin gelangte. Der normativ-juristische und der soziologisch-wirklichkeitsbezogene Zugang zu den Phänomenen des Staatslebens sind für Heller nur zwei Seiten, zwei Momente einer Einheit, keine Gegensätze. Soziale und rechtliche Aspekte des Staates gehören zusammen, weil "das Soziale normativ geformt und das Normative sozial fundiert ist". Auf Grund dieser Position hat Heller eine große Bedeutung für die heutige deutsche politische Wissenschaft erlangt, sofern sie sich nicht als bloß empirische Wissenschaft versteht.

Zu bedauern bleibt, daß der Verfasser nicht versucht hat, eine Gesamtwürdigung Hellers, vor allem seiner politischen Aktivität, zu geben. Die Untersuchung bezieht sich mehr auf den akademisch-theoretischen Bereich und läßt darum eine weitere Lücke offen, nämlich eine Würdigung von Hellers Gesamtpersönlichkeit im Sinne einer Darstellung, die das Verhältnis von Theorie und Praxis an dieser großartigen Persönlichkeit selbst exemplifiziert.

Kurt Sontheimer