Von Ferdinand Ranft

Düsseldorf

Dieser Prozeß, erfüllt fast alle Voraussetzungen für einen Fernsehkrimi: Millionencoup auf Kosten des Fiskus, abenteuerliche Flucht nach Mexiko, mysteriöser Tod eines Anwalts, Selbstmord eines Justizbeamten, Attentats- und Morddrohungen gegen Staatsanwalt und Richter, Hungerstreik des Hauptangeklagten und Kassiber aus der Haftanstalt. Ein falscher Kriminalbeamter trat auf, und natürlich war Liebe mit im Spiel, verbrämt mit Nerz, Brillanten und roten Rosen.

"Held" dieser Geschichte: Der 44jährige Essener Kohlenhändler Friedrich Wilhelm Ermisch. Vor vierzehn Monaten bei seiner Festnahme lächelte er noch siegessicher in die Objektive der Photo- und Fernsehreporter. Spätestens seit vergangenen Mittwoch, dem ersten Verhandlungstag vor der Ersten Großen Strafkammer des Landgerichts Düsseldorf, scheint Ermisch freilich das Lachen vergangen zu sein. Bis zuletzt hatte er sich offenbar an die fixe Idee geklammert, er sei durch die deutschen Behörden zu Unrecht aus seinem Versteck in Mexiko "entführt" worden. Doch das Gericht zerstörte diese Hoffnungen schneller als erwartet. Ein entsprechender Antrag von Ermischs Verteidiger wurde verworfen. Die Abschiebung des Angeklagten aus Mexiko sei ein mexikanischer Verwaltungsakt gewesen, sie unterliege nicht der Nachprüfbarkeit der deutschen Gerichte.

Für Ermisch, der blaß und abgemagert aus der Untersuchungshaft auf die Anklagebank geführt wurde, die Augen hinter einer Sonnenbrille verborgen, markiert dieser Punkt den berühmten Fehler, das ahnungslose Versehen, das auch den gerissensten Verbrecher schließlich zur Strecke bringt. Ermisch hatte während eines früheren Aufenthalts in seiner spanischen Villa beim deutschen Geeralkonsulat in Barcelona für einen angeblich verlorenen einen neuen Paß beantragt. Durch ein Versehen des Konsulats erhielt er ihn ohne Stempel und Unterschriften. Ermisch komplettierte den Paß später bis auf einen Stempel auf seinem Lichtbild. Dieser fehlende Stempel wurde ihm in Mexiko zum Verhängnis, die Mexikaner erklärten seinen Paß für gefälscht.

Seine Steuermanipulationen, die Ermisch immerhin eine "Beute" von 12,7 Millionen Mark einbrachten, hatte er weitaus geschickter eingefädelt. Schon bald nach Kriegsende hatte Ermisch nämlich als Kohlenhändler in Essen mit einem Steuerverfahren Bekanntschaft gemacht, das ihm geeignet erschien, ohne allzu großen Aufwand am allgemeinen Wohlstand zu partizipieren. Nach dem Umsatzsteuergesetz erhalten Firmen für bestimmte Exporte Vergütungen in Höhe von 0,5 bis 5 Prozent des Einkaufspreises ihrer Waren, damit sie auf dem ausländischen Markt mit ihren durch Zölle zusätzlich belasteten Produkten besser konkurrieren können.

Ermisch begann zunächst real und "bescheiden". Seine beiden Essener Firmen "Eintracht" und "Phoenix" exportierten seit 1961 tatsächlich Kohlen nach Holland und Belgien. Ermisch änderte auf den Ausfuhrpapieren, die er später beim Finanzamt einreichte, "nur" die Mengen. Rund 1‚2 Millionen Mark an Umsatzsteuervergütung kassierte er. Schon 1962 wurde man in Essen-Süd auf mögliche Unregelmäßigkeiten in Ermischs Geschäften aufmerksam, doch das Finanzamt unternahm nichts. Erst 1965 stießen Prüfungsbeamte in Essen auf gefälschte Ausfuhrpapiere. In einem Unterwerfungsverfahren verpflichtete sich Ermisch im August 1966 zur Zahlung von ganzen 25 000 Mark.